Kultur : Immer wieder Sonntags: Kurz fassen

Elisabeth Binder

In diesem Land ist alles zu lang. Wir leben, als hätten wir die Ewigkeit und drei Tage vor uns, und wenn wir nicht so leben, gestalten wir wenigstens unsere Ereignisse so. Komisch, so vieles hat die Globalisierung und die damit einhergehende Internationalisierung von Sitten und Gebräuchen geschafft, nur dieses nicht: dass die Reden deutlich kürzer werden. Die Frau des amerikanischen Botschafters, gefragt, was ihr an Deutschland besonders auffalle, sagte wenige Wochen nach der Ankunft in dem für sie fremden Land: die langen Reden. Da steht sie im Diplomatischen Corps nicht alleine da, auch andere Neu-Berliner fürchten sich vor der Länge der Ansprachen.

Gerade gehen die Filmfestspiele zu Ende, die alle Beteiligten traditionell in Stress und Hektik versetzen. Das innere Tempometer tickt auf Sturm. Zum ersten Mal gab es in diesem Jahr eine wirklich professionell aufgezogene Show vor der Aufführung des Eröffnungsfilms. Sie erhielt auch sehr viel Lob und Bewunderung. Und einen Tadel: zu lang. Der Organisatorin waren einige Protagonisten aus dem Ruder gelaufen. Einige Tage später trafen sich große Stars zu einem glamourösen Fest im Schauspielhaus. Es gab alles, was das glanzgierige Herz begehrt: Musikdarbietungen von Weltklasse, berührende Sprech-Vorträge, die schönsten Abendkleider, wunderbares Essen, tolle Tanzmusik. Und als der Musiker Bob Geldof zum Schluss gefragt wurde, wie es ihm gefallen habe, sagte er: "It was wonderful, but too long." Wie so vieles in Deutschland.

"Too long" klebt wie ein altertümliches Markenzeichen an uns. Dabei meinen wir es doch eigentlich nur gut. Wer ein Fest vorbereitet, reißt sich in aller Regel ein Bein aus, damit es die beste, perfekteste Veranstaltung aller Zeiten wird. Was irgend möglich ist, wird auch gemacht. Schlimm nur, dass so vieles möglich ist. Kluge Worte wie "In der Kürze liegt die Würze" oder "Man kann auch des Guten zuviel tun" werden nie angewandt auf die sitzfleischstrapazierenden Mühen der langen Redestrecken. Dabei gibt es genug Karikaturen und Persiflagen darauf.

Wahre Künstler wissen, dass Verzicht das wichtigste Element der Kunst ist. Warum also nicht auch die große Show, die hochkarätige Rednerliste bei einem politischen oder wirtschaftlichen Forum zusammenstreichen? Heute ist Sonntag, ein kostbarer Tag und deshalb ideal geeignet, sich kurz zu fassen. Reduktion auf Wesentliches, Rücksichtnahme auf überquellende Terminkalender würde uns allen Erleichterung bringen. Wer von Ihnen hat sich denn noch nie heimlich gefreut, wenn der formelle Teil einer Veranstaltung schnell über die Bühne ging? Stattdessen gibt es so eine Art Überfürsorge, die sich auch in der privaten Fetenkultur zeigt.

In den USA und in England sind Partys in der Regel begrenzt auf zwei Stunden. Dass auch mal drei draus werden, ist immer einkalkuliert. Aber man muss eben nicht fürchten, bei einem Wett-Trinken zu stranden, bei dem keiner das gastliche Haus verlassen darf, bevor im Weinkeller die letzte Flasche geleert ist. Und dabei gibt es keinerlei Klagen über einen Mangel an Gastfreundschaft in diesen

Ländern. Ganz im Gegenteil, sie gelten als besonders zivilisiert.

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