Kultur : Immer wieder sonntags: Metanoia statt Masochismus

Renée Zucker

Elzbietta und ich bedauern zutiefst, dass unsere allerliebste Andrea nicht mehr in der Regierung weilt - nicht etwa, dass wir ihr diese Tortur noch länger gewünscht hätten, aber es war einfach immer wieder schön, sie so oft im Fernsehen zu sehen.

Obwohl wir also noch trauern, dass sie nicht mehr die zu Herzen gehendste Ministerin von uns allen ist, beschlossen wir dennoch, weiterhin fest zu den Vorsätzen fürs neue Jahr zu stehen. Der Plan bestand nämlich darin, auch in diesem Jahr weder unseren Körper zu definieren noch unseren Marktwert zu kommunizieren. Wir taten es also nicht und sofort ging es uns viel besser.

Elzie schlug zur Feier unseres Erfolgs gleich einen Spaziergang vor. "Aber bitte nicht Deinen üblichen Sportivwahn mit strammem Ausschreiten," warnte sie, "ich möchte eher einen sanften Schlendergang, mit hier stehen bleiben und da rumgucken." Ich glaubte natürlich, sie spräche vom gemütlichen Flanieren durch den Park, aber da kannte ich meine Elzie schlecht. "Das schöne Wetter hat doch jetzt erledigt, was die Stadtreinigung seit Silvester nicht hingekriegt hat: Man kann sich wieder gefahrlos auf den Bürgersteigen fortbewegen", sagte sie aufmüpfig, "da will ich mal einen richtigen Schaufensterbummel unternehmen."

Wir waren genau einen Häuserblock weit gekommen, da hingen wir auch schon in Theos Antiquariat fest. Elzie wollte nämlich unbedingt nachgucken, was "Metanoia" bedeutet. Gut, dass Theo gerade einen 30 Jahre alten, 24-bändigen Brockhaus angekauft hatte. So konnten wir uns alle drei in die Bände vertiefen. "Metanoia" ist übrigens etwas sehr Interessantes, und vor allem als Testbegriff für die Qualität eines Nachschlagewerks gut zu gebrauchen. Prüfen Sie selbst!

Das Ende unseres semi-spazierhaften Pseudo-Schaufensterbummels bestand dann darin, dass wir dreimal vier Stockwerke rauf- und runterlaufen mussten, um alle 24 Bände in die Wohnung zu bekommen. Von der ebenfalls langwierigen Regalumordnung schweige ich still. Elzie bot Theo im Gegenzug großzügig unsere, bis auf einen Hundebiss nahezu unbenutzte Freud-Gesamtausgabe an. "Wer will denn heutzutage noch was über libidinöse Objektbesetzung wissen", sagte sie mit stolzem Blick auf den Haufen der Lexikonbände. "Ganz abgesehen von der albernen Theorie der Triebunterdrückung oder dem ökonomischen Problem des Masochismus", stimmte ich zu und gestehe hiermit, dass ich insgeheim doch ein bisschen von der eigenen Marktwertkommunikation träumte. "Aber was wirklich das Alleralbernste ist", fuhr ich fort, "das ist der männliche Kastrationsschrecken." "Ach ja?" fragte Elzie und schaute von Band 7 hoch, den sie nicht mehr in die Reihe gestopft kriegte, "also ausgerechnet den mochte ich eigentlich immer ganz gern", meinte sie mit zärtlichem Blick auf die rote Gesamtausgabe. "Vielleicht sollten wir sie doch hierbehalten", schlug sie vor, "so viel Platz nimmt sie doch wirklich nicht weg." Als Theo dann noch sagte, es gäbe genau diese Sonderausgabe demnächst ohne Hundebiss für 99 Mark im Angebot, da fiel uns die Entscheidung leichter, sie doch noch eine Weile zu behalten.

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