Kultur : Immer wieder sonntags: Mit vielen Möglichkeiten leben

Kürzlich erzählte mir die nette Mitarbeiterin einer Landesvertretung von ihren Anfängen in Berlin. Sie hat sich erkundigt, wie viele Veranstaltungen es täglich in der Stadt gibt. Schließlich muss man wissen, was so läuft, wenn man selber eine Rolle spielen will. Ungefähr 2200, habe man ihr in der befragten Agentur gesagt.

Zweitausendzweihundert. Da seien aber Kinderfeste und kleinere Salonveranstaltungen schon inklusive.

Ein Wunder, dass die Frau nicht schreiend wieder fortgereist ist. Stattdessen hat sie sich daran begeben, fortan sehr hübsche Partys zu organisieren, trotz der ständig gegenwärtigen Befürchtung, möglicherweise die 2201ste zu werden auf dem Abhakzettel eines Eventjoggers.

Wie viele Veranstaltungen es wirklich gibt, weiß wahrscheinlich kein Mensch, aber dass die Stadt eine Menge Ablenkungsmöglichkeiten bietet, ist ja nicht zu übersehen. Ob einer ein Demo-Fetischist ist oder ein krankhafter Salongänger, ein süchtiger

Zigarren-Lounge-Besucher oder ein Vernissagen-Freak, hier muss niemand nach Gesellschaft dürsten. Irgendwann bin ich mal auf einer Lesung gelandet, zu der der Dachverband der Sado-Masochisten-Vereine eingeladen hatte. Es wurde aber gar nicht gelesen, sondern lange über einige Politiker-Absagen lamentiert. Den geplanten Artikel darüber habe ich bis heute nicht geschrieben. Es schreibt ja auch niemand über die Konzerte der Straßenmusikanten. Betritt man die Philharmonie oder geht wieder heraus, gibt es draußen fast immer noch ein Extra-Konzert. Auch eine Veranstaltung.

Zweitausendzweihundert. Als ich noch in der westfälischen Provinz lebte, wunderte ich mich immer über meine New Yorker Freunde. Während ich kein Konzert auslassen mochte, das finanziell irgendwie in Reichweite lag, vertraten sie kühl die Ansicht, dass es vollkommen ausreiche, in einer Stadt mit vielen Möglichkeiten zu leben. Das Gefühl, man könnte an diesem Abend zu einer schönen Opernpremiere gehen oder sich das viel besprochene Experimentaltheaterstück ansehen oder die schon lange bewunderte Schauspielerin bei einer Lesung erleben, führt ja notgedrungen dazu, dass man, wenn man eines auswählt, die jeweils anderen beiden verpasst. Und dann kann man das dritte genauso gut bleiben lassen und sich einen gemütlichen Abend zu Hause machen.

Oder aber, und das ist fast noch die häufigere Variante, man sagt sich: All dieses kann ich ja morgen auch noch tun. Oder übermorgen. Also, warum ausgerechnet jetzt in Stress verfallen? Das ist wahrscheinlich der Grund, warum Großstädter mit müdem Snobismus ausgewählte Floskeln aus den Zeitungskritiken austauschen, wenn sie denn mal ausgehen, während Bewohner von Städten wie Siegen oder auch Heilbronn jeder Extraattraktion nachjagen, die ihren Ort erreicht, und am Ende viel gebildeter sind als die eingebildeten, verwöhnten Metropolenbewohner dieser Welt.

Andererseits: Zweitausendzweihundert! Da möchte man mit Scarlett sagen: "Verschieben wir es doch auf morgen." Und sich mit einem altzerfledderten Lieblingsbuch in die allerruhigste Ecke des Hauses zurückziehen.

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