Kultur : Immer wieder sonntags: Religiöser Wahndel

Renée Zucker

In den zwanziger Jahren gab es in Oxford einen jungen Mann. Später soll er sehr berühmt geworden sein. Seit vielen Jahren hat er einen unumstößlichen Platz in meinem Herzen. Damals nämlich öffnete er jeden Abend sein Fenster und rief mit einem Megafon alle 433 Verse von T.S. Eliots "The Waste Land" in die Dämmerung. "April is the cruellest month" begann er die allgemeine Poesiebeschallung, einer der wunderbarsten Gedichtanfänge der Gedichtegeschichte.

Der Feststellung, dass dieser April einer der grausamsten war, möchte bestimmt niemand widersprechen. Nicht nur, dass sich der gemeine Berliner in seinem favorisierten Dauerzustand der veränderungsresistenten Depression befand, auch der vergnügungswilligste Tourist kapitulierte irgendwann angesichts totalen Wärmeentzugs und konsequenter Charmeverweigerung und wollte sich kaum noch im öffentlichen Straßenbild präsentieren. Boutiquen standen wegen mangelhaften Konsumwillens kurz vor dem Ruin, eingespielte Lebensgemeinschaften erfuhren traurige Trennungen.

Aber nun soll Schluss damit sein. Wo Gefahr, da lauert naturgemäß das Rettende hinter jeder Ecke. Vor uns liegt noch genau ein Tag zwischen grausamstem und wonnigstem Monat. Misslungene Ostervergnügungen können wir frohgemut an Christi Himmelfahrt oder Pfingsten nachholen. Dann kann auch endlich wieder ordentlich die Gotteskeule geschwungen werden.

Nie war so viel Gott wie heute: Ob bei Klonverbrechern, brennenden Tierkadavern oder holländischen Sterbehilfen - wenn es gar nicht mehr anders geht, muss Gott ran, in den Medien wie im richtigen Leben. Und weil das lange nicht en vogue war, wollen wir die linde Lüftchenwende mal so richtig ausnutzen: Es wird von Gott gefaselt, dass es nicht mehr feierlich ist.

So schamlos, wie wir einst unsere körperlichen Intimitäten preisgaben, so indiskret verfahren wir jetzt mit den spirituellen. Immer heraus damit. Ob wir uns Gott damit quasi vom Leibe quasseln, sei dahingestellt. Alltägliche Instantreligiösität hat die "Ich-machs-mir-lieber-selber"-Religion des Atheismus abgelöst, man geht sonntags wieder in die Kirche statt ins Museum, oder tut auch schon mal beides, weil so ein bisschen Erlösung in der Kunst immer mit drin ist und weder der alttestamentarische noch der neutestamentarische Herr etwas dagegen haben. Obwohl man beim Bilderverbot nie ganz sicher sein kann, und der Jude laut meinem persönlichen Guru Henryk sowieso nichts mit der Erlösung anfangen kann. Ach ja? Und wofür warten sie dann jahrtausendelang auf den Messias? Für nix etwa? Guru Henryk meint, der Messias käme eh nicht, und wenn doch, müsse man noch mal neu überlegen.

Erlösung wär schon schön, aber mir würde auch erst mal reichen, wenn ich wüsste, wie der junge Mann hieß, der damals die frohe Botschaft aus dem Fenster rief. Sie endet übrigens mit: "Shantih Shantih Shantih". Das ist der Frieden. Ein Frieden, den man durch die Erkenntnis erlangt, dass man nicht Körper, sondern unsterbliches Bewusstsein ist.

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