Kultur : Immer wieder sonntags: Sprosser schluchzen nicht

Gute Nachrichten von Elzie. Sie schreibt, dass sie in Hamburg sehr glücklich ist. Dort gäbe es einfach mehr zu lieben. Schon jetzt liebt sie nicht mehr nur Bernd Begemann, der sie mit seinem letzten Schmachtfetzen, "Ich kann Dich nicht kriegen, Kathrin" überzeugte, sondern nun auch noch Jan Delay.

Jan Delay ist ein Hip-Hopper, der mit einem Reggaestück einen Hit landete. "Ich möchte nicht, dass Ihr meine Lieder singt" heißt das Lied, das sogar ständig auf kiss fm gepielt wird, und in dem so anachronistische wie einleuchtende Zeilen vorkommen wie "Ich möchte mich nicht in Köpfen befinden / zusammen mit Gedanken, / die unter Einfluss vom Axel Springer Verlag entstanden". Wer, außer Dieter Bohlen, würde das schon wollen. Andere Lieder auf der CD heißen "Söhne Stammheims" oder "Der böse Mann mit dem kleinen Bart ist noch nicht tot". Es ist wunderbar entspannender Ragga Style. Man kann dazu auf Barhockern sitzen und Rum-Cocktails trinken oder liegend verbotene Substanzen zu sich nehmen. Eine richtige Sowohl-als-auch-Musik also.

Dass es so was noch gibt, macht Elzie glücklich und mich ebenso. Solange es allerdings in Berlin derart musikalische und listig-kluge Musikanten nicht gibt, müssen wir hier weiterhin mit dem gemeinen Sprosser (Luscinia luscinia) vorlieb nehmen, jenem osteuropäischen Verwandten der Nachtigall, der pünktlich mit Anbruch des schönen Maiwetters angefangen hat, seine öffentlichen Gesangsübungen abzuhalten. Der Zuhörer fällt fast immer drauf herein: Die tiefen, langsamen Töne der Sehnsucht erklingen - leise hören wir die Callas rufen: "Piangi? Perché? Perché? Ah, la fede ti manca!" (Du weinst! Warum? Warum? Ach, Dir fehlt der Glaube!). Und wenn wir gerade so richtig aufgehen wollen in der entsetzlich traurigen Geschichte der unschuldigen Butterfly und diesem Mistknochen Pinkerton, da merken wir, dass der Sprosser uns wieder genarrt hat. Der arme Teufel aus Osteuropa kommt einfach über den Nachtigallen-Anfang nicht hinaus. Nur immer wieder: "Piangi? Perché? Perché?" - kein Schiff will sich zeigen, keine Hoffnung auf wiederkehrendes Glück, keine Zuversicht beim Warten, keine süßduftende Verbene... Der Sprosser kann nämlich nicht schluchzen! Und das ist doch wohl das Mindeste beim Minnegesang, wo das edle Herz auf seine Fähigkeit getestet wird. Ob es wahrhaftig lieben oder nur begehren kann.

Andererseits könnte er uns auch hierbei wieder narren und eine ganz andere Lektion erteilen. Vielleicht ist der Sprosser ein Typ wie Frank Zappa: Er hat das alles drauf, aber er spielt es nur an. Einer, der mal kurz auf den Knopf für Sehnsucht, Schönheit, Freude und Schmerz drückt und dann den Rest dem Lauschenden überläßt.

Guru Henryk fällt dazu sofort ein Talmudzitat ein, wo es zur Freude am Schönen heißt: "Drei sind ein Vorgeschmack der kommenden Welt; das sind: Schabbath, Sonne und Beischlaf. Drei erheitern eines Menschen Sinn; das sind: eine schöne Wohnung, eine schöne Frau und schöne Geräte." Nun wollen wir alle mal über "schöne Geräte" meditieren. Vielleicht kann der Sprosser ja doch schluchzen. Und nur die Eingeweihten hören das.

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