Kultur : Immer wieder sonntags: We love Neukölln

Neuerdings müssen wir immer raus nach Neukölln, wenn Elzbietta zu Besuch in Berlin weilt. Neukölln, sagt Elzie, sei der einzige Grund, wieder nach Berlin zurückzukehren, obwohl es dort nicht so tolle Musiker wie in Hamburg gibt. Schon wenn wir vom Stadtring runter auf die Karl-Marx-Straße kommen, die dort noch Buschkrugallee heißt, wird meine Freundin ganz hibbelig vor Aufregung. "Wie der Broadway an den 120ern", flüstert sie hingerissen und deutet auf die Einfahrt zum WalMart; auf die vielen Läden, in denen man die neuesten Handys kaufen und in nie zuvor gehörte arabische und asiatische Länder für ein Spottgeld telefonieren kann; und vor allem auf die vielen verschiedenen Menschen, die so aussehen und so gekleidet sind wie nirgendwo sonst in Berlin.

Tatsächlich: Neukölln ist anders. Anders als Berlin und sogar anders als wir immer dachten, wie Neukölln eigentlich sei. Elzie war nämlich für ein paar Tage in Manhattan gewesen, und hatte eben dort oben, in den 120ern, bei einem Gottesdienst in Harlem, einen Elton-John-Imitator kennengelernt, der nebenberuflich noch sonntags im Gospelchor singt. Als der erfuhr, dass Elzie lange in Berlin gelebt hatte, hörte er gar nicht mehr auf zu schwärmen. Bei näherem Nachfragen, was ihm denn so gut gefallen hatte, stellte sich heraus: Der Fake-Elton hatte das Brandenburger Tor und ein Stück bemalten Mauerrest gesehen, aber seine eigentliche Begeisterung galt Neukölln, genauer gesagt: einem Neuköllner Hotel. Da wollte er gar nicht mehr raus, so gut hatte es ihm dort gefallen. Schlafen, Duschen, Pizza, Eis, Friseur, abends Imitatoren-Entertainment, ein internationales Publikum, das sich 24 Stunden lang vergnügt im Foyer tummelt, was will der Mensch mehr?

Elzie meinte, wir müssten uns das unbedingt angucken. Haben wir gemacht und verstanden, warum es Imi-Elton so liebte: Es war so gemütlich wie eine amerikanische Mall, so intim wie ein Flugzeugträger im Golf; es war so, als befänden wir uns auf einem anderen Stern - mit einem ganz eigenen, unabhängigen, swingenden, summenden Leben, wo alle gefunden hatten, was sie suchten, und niemand die Welt zu vermissen schien.

Außer Elzie. Sie musste wieder raus in den brodelnden Moloch zwischen Karl-Marx- und Sonnenallee, wo manche Fenster das Tageslicht mit Zeitungspapier und Wolldecken aussperren, wo Kinder mit erwartungsvollen Gesichtern auf den Straßen sind, wo Trödelläden noch echten Trödel verkaufen, und bärtige Männer in Grüppchen durch Grünanlagen spazieren. "Das wird der angesagte Stadtteil der Zukunft! Während Mitte vornehm ruht, rast hier der Mops", prophezeit Elzie freudig und überlegt hin- und hergerissen, ob sie lieber am Richardplatz oder direkt auf der Karl-Marx-Straße wohnen soll.

Elzie, die 20 Jahre in Berlin lebte, ohne ein einziges Mal freiwillig mit in den Körnerpark zu kommen, um die Wasserspiele zu bestaunen, weil ihr schwante, dass dort alle Spaziergänger Zlatkohosen und Aso-Schlappen tragen würden, ausgerechnet Elzie trägt jetzt die Fahne des größten und ärmsten Bezirks Berlins ganz ganz hoch.

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