Kultur : Immer wieder sonntags

Elisabeth Binder

Heute ist ein guter Tag, darüber nachzudenken, wie man mit Menschen umgeht, die einen lieben Menschen verloren haben, weil er gestorben ist. Die normale Reaktion ist leider: Gar nicht. Wenn jemand stirbt, reagieren die anderen oft mit einem Gefühl der Peinlichkeit. So nach dem Motto: Wie unangenehm, dass so was passieren kann. Als sei der Tod eine eher fragwürdige Krankheit, wie es Syphillis einmal war, weil sie Rückschlüsse auf den Lebenswandel ihres Trägers zuließ. Und als seien die Angehörigen eines von solch exotischer Heimsuchung Befallenen in Sippenhaft zu nehmen, als hätten sie Anteil an der Peinlichkeit, ja, als müsse man befürchten, dass sie das Virus weitergeben.

Deshalb hält man Abstand.

Das ist der Preis, den eine Gesellschaft verlangt, die den Tod tabuisiert und im Grunde nicht glaubt, dass im Sterben ein tieferer Sinn liegen könne. So erscheint der Tod als eine ärgerliche Unterbrechung des Tages-, Jahres-, Lebensablaufs. Eher noch verabscheuungswürdiger als ein klingelndes Handy auf dem Höhepunkt der Arie der Königin der Nacht. Die Zurückbleibenden müssen nicht nur mit dem Verlust, sondern auch noch mit der Isolation umgehen.

Dabei halten sich viele nur deshalb fern, weil sie unsicher sind. Sie wissen einfach nicht, was sie sagen sollen und fürchten, wenn sie irgendetwas sagen, dann komme ganz das Falsche dabei heraus. Dann also lieber den Kopf in den Sand stecken, so tun, als wisse man nicht Bescheid, scheinbar gedankenverloren auf die andere Straßenseite wechseln, wenn einem der Trauernde entgegenkommt, als gelte es, dort ein interessantes Schaufenster zu studieren. Dabei flieht man doch nur vor der eigenen Hilflosigkeit, vielleicht auch noch vor der Einsicht, dass man über die Menschen, die man von nah oder von fern kennt, nichts so sicher weiß, wie dass sie einmal sterben werden.

Nichts kommt von allein, der Führerschein nicht, das Golf-Handicap 18 nicht, der richtige Walzer-Rhythmus nicht und schon gar nicht der Umgang mit Trauernden. Nur kann man für Letzteres keine Kurse buchen. (Und wenn doch, sind die jedenfalls nicht so bekannt, dass mir zum Beispiel gerade einer einfallen würde.)

So ein ernster Novembersonntag bietet sich immerhin an, das Problem zu erkennen, sich bewusst zu machen und alternative Verhaltensweisen zu trainieren. Was wünscht man sich denn selber in solchen Situationen? Zuwendung, unverkrampfte, ungestelzte, ungeheuchelte Anteilnahme. Ein paar nette Gesten oder freundliche Worte, die, wenn es denn gar nicht anders geht, zur Not auch von einem Briefsteller für Trauerschreiben inspiriert sein dürfen, aber wirklich nur zur Not, wenn Sie unter chronischem Fantasiemangel und akuten Anfällen von Sensibilitätsreduktion leiden. Auch Trauernde sind nicht gern von Leuten umgeben, die angestrengt die Miene eines Klageweibes zur Schau tragen, und schwarzen Krähen gleichen, die sich in waberndem Betroffenheitsschleim aalen. Eine unaufdringlich mitfühlende, ernste Natürlichkeit kann helfen. Die fällt zwar niemandem in den Schoß, aber man kann sie sich erdenken. Falls es heute nicht klappt: der Totensonntag kommt mit einer zweiten Chance.

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