Kultur : Immer wieder sonntags

Elisabeth Binder

Nun ist die Zukunft, die Stanley Kubrick einst in seiner "Odyssee 2001" sah, auch schon wieder Vergangenheit. Schon im letzten Jahr, seinem Ehrenjahr, wirkte der Film streckenweise seltsam altmodisch. Zwei Bilder werden sich aber noch lange halten: der berühmteste Schnitt der Filmgeschichte, untermalt von Walzermusik, und der schwarze Monolith, der ein Geheimnis birgt, das die Menschen und ihre Vorgänger durch alle Epochen nicht lösen können.

Normalerweise erinnert man sich nicht dauernd an Filme, die langsam altmodisch wirken. Aber an den Schwarzen Monolithen muss ich häufig denken. In der S-Bahn zum Beispiel. Auch in den langen Tagesspiegel-Fluren. Manchmal im Restaurant, aber häufiger noch an Orten, an denen man normalerweise wartet, also im Vorzimmer eines Arztes, im Gang einer Behörde oder in der Schlange im Supermarkt. Immer wieder sehe ich Menschen, die im Gesicht ein vollkommen nach innen gerichtetes Leuchten tragen, so eine selige Selbstvergessenheit, etwas, das gleichzeitig Hoffnung, Belustigung, Freude oder auch sehr intensive Antizipation enthält.

Sie sehen aus wie von einem anderen Stern.

Und sie blicken auf die Miniaturversion des Schwarzen Monolithen, wobei man sich nicht davon ablenken lassen sollte, dass die Dinger manchmal auch silbern aussehen, in krassen Fällen gar rot oder gelb. Die Finger bewegen sich wie in einer Dokumentarstudie über die fleißige Handarbeiterin, manchmal machen sie gebannte kleine Pausen. Aber es müsste schon ein gewaltiges Feuerwerk direkt vor ihrer Nase abgehen, um sie zum Aufblicken zu bringen.

Das Handy, das ich lieber in einer direkten Übersetzung aus dem Englischen Zellentelefon nennen möchte ("cell phone" heißt es dort), weil das etwas substantieller klingt und nicht so verniedlichend, das Handy also hat ganz offensichtlich den Schwarzen Monolithen in seiner Rolle als großes Geheimnis der Menschheit abgelöst. Sonst würden die Leute ja kaum drauf gucken wie auf ein Heilsversprechen, wie auf die Lösung aller Fragen, wie auf das unmittelbar bevorstehende ultimative Glücksgefühl.

Es muss etwas damit zu tun haben, dass die Kontaktaufnahme der Anfang von Erkenntnis und Zivilisation ist, dass jeder Kontakt ein Versprechen ist, welches sich vielleicht einlösen lässt. Vielleicht aber auch nicht. Es muss etwas damit zu tun haben, dass die Möglichkeit, jederzeit und jederorts und vor allem ganz indviduell zu weit entfernten Menschen Kontakt aufzunehmen wie eine Erweiterung des eigenen Körpers wahrgenommen wird.

Oder auch der Seele.

Manchmal, vor allem am Sonntag, weil das ja ein Tag ist, dessen Besonderheiten jeder individuell definieren kann, solange er nur besonders bleibt, kribbelt es mich in den Fingern. Dann kriege ich gar zu große Lust, so einen Menschen mit seinem Mini-Monolithen einmal anzutippen, damit er hochguckt. Es könnte ja sein, dass ausgerechnet dies zum Beginn der Entschlüsselung des Geheimnisses führen würde: Kontakt muss nicht an einen Akku gebunden sein.

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