Kultur : Imperium Europa

Landschaften des Umbruchs: In Berlin diskutieren Schriftsteller aus Ost- und Mitteleuropa Erstaunliches

Jörg Plath

Der Osten schrumpft dramatisch, und Mitteleuropa droht gleich ganz zu verschwinden. Denn es tritt von Estland bis Slowenien fast geschlossen der Europäischen Union bei. Der Erfolg der Staatengemeinschaft bringt ihr Selbstverständnis in Bedrängnis. Was ist der Westen, wenn ihm der Osten durch Einverleibung abhanden kommt? Galt bisher doch: ex oriente lux – vom Osten her das Licht; und: ex occidente luxuria – aus dem Westen der Luxus.

Jachym Topol hat kein Verständnis für solche Sorgen. „Wir sollen wohl die drei Weisen aus dem Osten sein“, sagt der tschechische Schriftsteller am Mittwochabend im überfüllten Roten Salon in der Berliner Volksbühne, während neben ihm der Ukrainer Juri Andruchowytsch und der Pole Andrzej Stasiuk süffisant lächeln. Topol wehrt sich dagegen, ein Repräsentant seltsamer östlicher Stämme zu sein, und rächt sich, indem er stets grosso modo vom „Westen“ spricht – gleichgültig, ob Island, Deutschland oder Portugal gemeint ist.

Dennoch teilen die drei Autoren an diesem Abend reichlich fröhliche Mär aus, und auch auf dem zweitägigen Symposion im Literarischen Colloquium Berlin am Dienstag und Mittwoch geht es nicht selten unterhaltsam zu. Denn in den von Katharina Narbutovic organisierten „Landschaften des Umbruchs“ sind sich die 14 mittel- und osteuropäischen Schriftsteller und ihre fünf deutschen Kollegen, allesamt zwischen 25 und 40 Jahren, in kaum etwas einig. Dissens gibt es in Fragen der Geschichte, der Gewalt, der Poetik und auch über Mitteleuropa, wie es György Konrád, Danilo Kis und Milan Kundera Ende der Siebzigerjahre gegen die sowjetische Vorherrschaft in Stellung brachten.

Der Slowene Ales Steger zum Beispiel, ein junger, intelligenter Lyriker von der literarischen Statur Durs Grünbeins, möchte von Mitteleuropa nichts mehr hören. Denn die slowenische Parteiführung hatte sich in den Achtzigern lautstark als mitteleuropäisch bezeichnet, um Distanz zu Belgrad und Nähe zur EU zu gewinnen. Die Litauer dagegen, weiß Eugenijus Alisanka, fühlten sich nie als Mitteleuropäer, sondern immer als Europäer. Und manche Polen, erzählt Andruchowytsch, hielten den Begriff für eine Erfindung des KGB, um sie von Europa zu trennen. Oder auch für eine Idee des CIA. Grund genug für den gewitzten Ukrainer, Mitteleuropa für wirklich zu halten: als Erzählraum, als Kombination aus Ruinen und McDonald’s, und als „antiimperialistische und antiglobalistische“ Provinz zwischen „den Imperien Russland und Europäische Union“.

Es ist kein Zufall, dass ein Ukrainer die geopolitische Stafette des Mitteleuropa-Begriffs von den Staaten übernimmt, die bald zur EU gehören. Auch Rumänien, Bulgarien, Serbien, Kroatien und vielleicht noch Moldawien könnten dem neuen Mitteleuropa beitreten. Möglicherweise schließt sich ihnen sogar Russland an? Weil Mitteleuropa nie Wirklichkeit, immer nur Vision war, ist solche Geopolitik reine Metaphern-, also Verschiebungslehre.

Regelrecht ins Rutschen geraten dabei jedoch lieb gewonnene Kategorien des Westens. Kehrt nicht in der osteuropäischen Literatur die lange unterdrückte Geschichte wieder? „Ich benutze die historischen Tatsachen als Vehikel der Phantasie“, betont der Ungar László Marton, „um die Tradition auf nicht-nationalistische Weise aufzunehmen“. Auch sein Landsmann László Darvasi erfindet eine phantastisch-groteske Version der Geschichte. Der bulgarische Lyriker Georgi Gospodino möchte historische Symbole in Souvenirs verwandeln, und die Kroatin Rujana Jeger plädiert für die Pop-Ikonisierung von Tito und anderen. Geschichte ist ihnen Material. Es wird überschrieben, und die vermeintliche Geschichtslastigkeit entspringt gerade dem Versuch, der Last zu entkommen.

Daher wundert sich die Polin Olga Tokarczuk, als sie die Literaturkritikerin Iris Radisch, neben der Suhrkamp-Lektorin Katharina Raabe die zweite Moderatorin des Symposiums, auf die toten Juden in ihren Büchern hinweist. Sie setzt auf die Distanzierung von Gewalt durch einen mythischen Rahmen. Anderen fallen zum Thema nicht wie erwartet Budapest ’56, Prag ’68 oder das Bruderland Sowjetunion ein: Der Slowake Michal Hvorecky denkt an die strukturelle Gewalt der neuen Lebensverhältnisse, insbesondere an die Verführungen der Supermärkte, der Serbe Vladimir Arsenijevic an die Hetze der jugoslawischen Medien vor und während der Balkankriege. „Ich muss jetzt Liebesromane schreiben, weil sehr bald wieder Krieg ausbrechen kann.“ Längst haben sich die Lebensverhältnisse so stark verwestlicht und beschleunigt, dass sie die aus westlicher Sicht entscheidenden Ostblockerfahrungen in den Hintergrund drängen.

So rinnt das Bild des Ostens dem Westen nach und nach durch die Finger. Um es doch noch zu retten, spricht Iris Radisch schließlich von „Geoästhetik“: Während viele deutsche Romane postmodern ortlos seien und im Jemen oder den USA spielten, widmeten sich die osteuropäischen der näheren Umgebung. In ihr verstreiche die Zeit langsamer, die Materie altere archaisch und die Kapitallogik gelte nicht total. So wie bei dem Romantiker Andrzej Stasiuk, der in seinen Büchern dem Unvollkommenen, Halbherzigen, der „egalité, liberté, fraternité der Materie“ hinter den Beskiden einen Heiligenschein nach dem anderen verleiht. Doch Stasiuk scheint der einzige zu sein. Die übrigen Autoren reisen in aller Welt herum und lassen ihre Bücher nach Herzenslust ebendort spielen. „Meine französische Verlegerin“, schimpft der sanfte Laszlo Darvasi, „will meine ,Chinesischen Geschichten‘ nicht, sondern nur ungarische.“ Heftig wehren sich auch andere gegen eine erneute, nun nicht mehr politische, sondern ästhetische Einengung. Als exotische Ureinwohner des europäischen Traums vom Anderen sehen sie sich nicht.

Wenn bisher noch Zweifel bestanden, dass die Differenz zum beherrschenden Thema der nächsten Jahre wird, dann hat diese Tagung sie beseitigt. So viele Unterschiede waren nie, nicht in der EU und nicht im Leben des Westeuropäers. Der Diskurs über die Differenz wird um deren Vorteile kreisen und den egalitären der Pluralität und Multikulturalität ablösen. Die Landschaften des Umbruchs liegen nicht nur im Osten.

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