Kultur : Implosion einer Bombe

Wie man ein Kunstereignis verzettelt: die große Dada-Ausstellung im Pariser Centre Pompidou

Peter von Becker

Den bürgerlichen Salon hatten die Künstler vor 100 Jahren bereits gestürmt. Aber auch den Rebellen des Expressionismus, Kubismus oder Konstruktivismus dämmerte wohl, dass all diese neuen „-ismen“ schon wieder formelle Rahmen und stilistische Eingrenzungen bedeuteten. Wer die Kunst jedoch mit ihren bürgerkritischen Affekten zur Zeit des Ersten Weltkrieges weder in den Dienst einer politisch revolutionären Bewegung stellen noch sie als l’art pour l’art nur zum schönen Schein bewahren wollte, musste auf etwas Drittes sinnen. Auf ein Paradox – eine Art künstlerische Anti-Kunst. So ungefähr entstand: Dada.

Der Hamburger Museumsdirektor Uwe M. Schneede nennt Dada darum in seiner Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts „die erste authentische Selbstzerstörung der Avantgarden“. Wenn der so widersprüchliche Dadaismus als internationale Zeitgeisterscheinung überhaupt eine Geburtsstunde hatte, dann schlug sie am 5. Februar 1916 in der Spiegelgasse 1 in der Zürcher Altstadt. Dort traten im „Cabaret Voltaire“ fünf Bildhauer, Maler, Architekten und Dichter auf, unter ihnen der Elsässer Hans Arp, der Deutsche Hugo Ball und der Rumäne Tristan Tzara. Es gab „Verse ohne Worte“, Töne ohne Musik, dazu „Negergesänge“, Maskenspiele – und die Verlautbarung des Wortes „Dada“, das wohl ein klanglicher Zufallsfund war und im Französischen ein Steckenpferd meint.

Es wurde schnell ein geflügeltes Pferdchen und bald auch in Berlin, Prag, New York oder Paris gesichtet und von Künstlern und Literaten bis Mitte der tollen, katzengoldenen zwanziger Jahre geritten. Was den einen ein Spuk, den anderen ein Jux war, ging mit den Techniken der Collage, mit den Spielarten des Surrealismus bald wieder auf in den großen Kunstströmungen der Zeit. Jetzt freilich ist Dada noch einmal in Paris gelandet. Im Obergeschoss des Centre Pompidou, bei der größten Dada-Ausstellung aller Zeiten.

Auf 2000 Quadratmetern hat der Kurator Laurent le Bon über 1600 Werke und Dokumente versammelt – ein Ereignis. Und zugleich der helle Wahnsinn. Statt dem Besucher eine Welt zu eröffnen, lässt ihn die Mammutschau sofort gegen Wände rennen oder sich in einem schachtelartigen Labyrinth verlieren. Es herrscht eine fast erstickende Kleinteiligkeit, denn fast 50 überwiegend enge Kabinette und Flure mit hunderten von Vitrinen voll Manuskripten, Büchern, Flugblättern, Plakaten, Skizzen, Notaten aus Europa, Amerika und Asien verzetteln den Blick. Da atmet man schon auf, ist nur etwas Platz für eine größere Filmleinwand und Hans Richters surrealen „Vormittagsspuk“ mit tanzenden Männerhüten oder Man Rays sonderbare, film-fotografisch überblendete Mobiles und Frauenakte aus den zwanziger Jahren.

Ganz wunderbar auch in einem knallroten Kabinett die Teilrekonstruktion der „Ersten Internationalen Dada Messe“ 1920 in der Berliner Kunsthandlung Dr. Otto Burchard am Lützowufer. An der Decke hängt nun wie vor 85 Jahren John Heartfields lebensgroß uniformierter Infanterist mit dem Schweinskopf und der Aufforderung an den kunstsinnigen Betrachter, täglich zwölf Stunden auf dem Tempelhofer Feld zu exerzieren. Und von der Wand grüßt als Bildgabe von Georg Grosz mit verschraubtem Hirn und eingerüstetem Hals „Onkel August“, der „Unglückliche Erfinder“: ein „Opfer der Gesellschaft“.

In ihrem enzyklopädischen Sammeleifer trägt die Ausstellung schier unfasslich viel zusammen. Schon im Hinblick auf ihre Weiterreise 2006 nach Washington und ins New Yorker MoMa präsentiert die Schau selten zu sehende Dada-Varianten aus den USA und spürt ähnlichen Spuren selbst in Jugoslawien oder Japan nach. Alle Dada-Großmeister, von Kurt Schwitters und seiner Hannoveraner Merz-Kunst bis zu Marcel Duchamps Mona Lisa mit Bart und der Nachbildung seines Pissoirs, dem ersten ready-made von 1917, sind vertreten. Verdienstvoll der Blick auf die Dada-Frauen: auf Werke nicht nur von Größen wie Hannah Höch und Sophie Taeuber-Arp, sondern auch auf oft Übersehene wie Hugo Balls Künstlerfreundin Emmy Hennings.

Was in dieser Fülle fehlt, ist freilich eine erkennbare Dramaturgie, eine konsistente Erzählung – vor allem des politischen und kulturellen Kontextes in den einzelnen Ländern. Es mangelt am deutlicheren Versuch der Abgrenzung zu den eher kriegsbegeisterten italienischen Futuristen oder zum – hier von Man Ray bis Max Ernst – unscharf einbezogenen Surrealismus. Auch das Verhältnis zur russischen Avantgarde vor und nach der Revolution bleibt unterbelichtet. Obwohl just neben der Dada-Geburtsstätte in der Zürcher Spiegelgasse ein politischer Emigrant namens Lenin wohnte. Statt solche Zufälle oder tieferen Verbindungen sinnfällig zu inszenieren, wird als Dada-Vorläufer völlig willkürlich das allerweltsgrafische Plakat zu einem Schwergewichtsboxkampf in Barcelona 1916 gezeigt.

Max Ernst hatte Dada mal eine Bombe genannt. Und der „Dadasoph“ Raoul Hausmann sagte im Rückblick: „Die Pariser waren niemals dada...“ Jetzt, als Pariser Sammelsurium, wirkt Dada auch etwas gaga, der Explosivstoff von einst implodiert bei seiner akademischen Archivierung als unkritische Masse.

Paris, Centre Pompidou bis 9. Januar 2006. Katalog (1024 Seiten) 39,90 €.

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