Kultur : "Improvisation 10": Wem gehört der Kandinsky?

Simone Leinkauf

Nach zehn Jahren Kampf um das Gemälde "Improvisation 10" von Wassily Kandinsky, das heute in der Fondation Beyeler hängt und sich seit 1951 fast ununterbrochen im Besitz des Baseler Galeristen befand, hat Jen Lissitzky Klage gegen Ernst Beyeler eingereicht. Der Sohn des russischen Avantgardisten hofft auf diesem Wege das Bild zu erhalten, das einst seiner Mutter gehörte. Deren Leben war bewegt: Sophie Küppers, geborene Schneider, stammt aus einer Münchner Verlegerfamilie. Sie sammelt Kunst und führt in Hannover ein offenes Haus, in dem Künstler ein- und ausgehen. Nach dem Tod ihres Mannes Paul Erich Küppers heiratet sie El Lissitzky und folgt ihm 1926 nach Russland. 13 Gemälde aus ihrer Sammlung überlässt sie Alexander Dorner vom Provinzial-Museum in Hannover als Leihgabe, darunter die "Improvisation 10". Die Bilder finden ihren Platz in dem von Lissitzky aufgebauten "Kabinett der Abstrakten". Doch schon im ersten Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung verschwinden die "entarteten Gemälde" im Keller.

In dieser Zeit holt Sophie Küppers-Lissitzky ihre beiden Söhne aus erster Ehe nach Russland, wo diese ihren kleinen Halbbruder Jen begrüßen können. Was zunächst wie eine gelungene Familienzusammenführung erscheint, erweist sich als dramatische Fehlentscheidung. Nach dem Tod von El Lissitzky, der 1941 an Tuberkolose stirbt, wird seine Frau mit den Kindern nach Sibirien verbannt. Der zweite Sohn stirbt im darauffolgenden Jahr, der älteste flieht in den Westen und landet als sowjetischer Spion im Konzentrationslager in Sachsenhausen. Er stirbt 1961 in Dresden.

Jen Lissitzky bekommt erst nach dem Mauerfall 1989 eine Ausreisegenehmigung. Mit einer Liste, auf der die 13 Gemälde aufgeführt sind, fragt er in Hannover nach den Bildern seiner Mutter - und bekommt die Tür gewiesen. Erst mit Hilfe des Kölner Kunstfahnders Clemens Toussaint erzielt er erste Erfolge (vgl: Tagesspiegel vom 14. Juli): Ein Gemälde von Paul Klee findet sich im Münchner Lenbachhaus, ein weiteres in einem japanischen Privatmuseum, das Werk von Marcoussin im Kölner Museum Ludwig und der Kandinsky in der Privatsammlung von Ernst Beyeler in Basel. Das Gemälde von Marcoussin und das in Japan geortete Bild von Paul Klee wurden daraufhin zurückgegeben. Lissitzkys Klage gegen das Lenbachhaus dagegen scheiterte vor zehn Jahren unter Hinweis auf die 30-jährige Verjährungsfrist von Diebstahl. Inzwischen dürften Lissitzkys Chancen deutlich besser sein: 1998 räumten bei einer Konferenz in Washington 44 Staaten dem Diebstahl von Kulturgütern einen besonderen Status ein. Doch in München schweigt man weiter. Und auch in der Schweiz haben sich die Fronten verhärtet. Ernst Beyeler besteht darauf, dass er das Bild 1951 von dem Kunsthändler Ferdinand Möller in "gutem Glauben" gegen einen Betrag von 18 000 Franken erworben hat. Kann Beyeler sein Unwissen glaubhaft machen, dann gehört ihm nach Schweizer Recht das Bild.

Möller war einer der vier Kunsthändler, die im Auftrag der Nazis Käufer für beschlagnahmte Bilder suchen sollten. Für den Kandinsky schaute er sich schon 1939 nach einem Käufer um und fragte den emigrierten Alexander Dorner, ob er das Bild nicht für sein Museum haben wolle. Dorner lehnte ab, weil er rechtliche Probleme befürchtete. Auch in den vierziger Jahren suchte Möller vergebens nach einem Käufer. Bis der damals 30-jährige Ernst Beyeler nach Bildern für seine Galerie fragt. Toussaint konnte noch Jahrzehnte nach der Beschlagnahmung der Bilder 1937 die Besitzverhältnisse der "Improvisation 10" von 1919 bis in die vierziger Jahre hinein rekonstruieren. Hätte Beyeler nicht Jahrzehnte früher auch einiges über die Herkunft des Bildes herausbekommen können, wenn er es gewollt hätte? Vor dem Baseler Zivilgericht finden in diesen Tagen Anhörungen von Kläger und Beklagtem statt. Kommt es zu keiner Einigung, so wird das Gericht entscheiden, wem das Gemälde gehört. Der Gang durch alle Instanzen kann lange dauern - möglicherweise zu lange für den 70-jährigen Jen Lissitzky und den zehn Jahre älteren Ernst Beyeler.

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