Improvisation : Es geht auch ohne Noten

Improvisation gibt es nicht nur im Jazz, sondern auch in der Klassik. Das Ensemble Obsidienne versucht, die Kunst der mehrstimmigen Improvisation wiederzubeleben. Jetzt ist eine CD erschienen.

Carsten Niemann

Noch wirkt es wie eine skurrile Fußnote im sommerlichen Festspielzirkus: das „Festival de Musique Improvisée de Lausanne“. Dabei ist es gerade mit seiner bereits zwölften Ausgabe zu Ende gegangen. Beachtlich für ein Festival, das sich einer Selbstverständlichkeit des Klassikbetriebs frech entgegenstellt: dem Spielen nach Noten. In Lausanne bleiben die Pulte leer: Hier dürfen nur Musiker auftreten, die improvisieren können. Und das nicht etwa im Stil des Jazz, sondern in traditionellen abendländischen Idiomen: Mitteralterliche Mehrstimmigkeit, Orgelfugen, Cembalosuiten und sogar Kammermusik.

Mit Respektlosigkeit gegenüber der Musik vergangener Jahrhunderte oder gar Crossover hat das Ganze nichts zu tun. Die Festivalmacher wollen sich einfach nicht damit abfinden, dass die Klassik zu einer toten Sprache geworden ist, die man sich nicht mehr über das freie Sprechen, sondern über das Lesen und Vortragen fertiger Texte aneignet.

Um so intensiver studiert man die historischen Zeugnisse, die uns etwas darüber verraten, wie und in welchem Umfang in früheren Zeiten improvisiert wurde. Ein besonders eindrucksvolles Dokument für die Anregungen, die in den letzten Jahren von Lausanne ausgegangen sind, ist nun auf CD erschienen: „L’amour de moy – Chansons et improvisations de la Renaissance“ heißt das Album, mit dem das Ensemble Obsidienne unter der Leitung von Emmanuel Bonnardot versucht, die Kunst der mehrstimmigen Improvisation wiederzubeleben, wie sie zur Blütezeit der Vokalpolyphonie der frühen Renaissance existierte. Auf dem Album werden Kompositionen von Josquin Desprez und Loyset Compère mehrstimmigen Improvisationen über bekannte Melodien gegenübergestellt.

Das Ergebnis ist bemerkenswert: Auch wenn die meisten Improvisationen homophon geprägt sind, sind die Einzelstimmen doch so frei und selbstständig geführt, dass sich die Musiker ohne rot zu werden neben den Meistern der franko- flämischen Vokalpolyphonie hören lassen können. Mehr noch: sie rücken dem Hörer schlagartig ins Bewusstsein, dass vieles, was er der Arbeit des Komponisten zuzuschlagen gewohnt ist, tatsächlich Teil einer ehemals allgemein und frei gesprochenen Sprache war. Und auch, dass sich das Erlernen dieser Sprache positiv auf die Interpretation der komponierten Musik auswirkt: Weil die Musiker grundlegende Formeln und Satzmodelle der Zeit so verinnerlicht haben, dass sie frei über sie verfügen können, kommen auch ihre Interpretationen der komponierten Werke eine entscheidende Nuance spontaner daher. Dem Klassikbetrieb wäre zu wünschen, dass Experimente wie diese keine bloßen Fußnoten bleiben. Carsten Niemann

Ensemble Obsidienne: „L’amour de moy“, Calliope.

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