Improvisierte Musik : Spielen Sie einen nie gehörten Ton!

Zum Auftakt des Jazzfests Berlin: eine Begegnung mit dem New Yorker Improvisationskünstler George E. Lewis

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Wer zieht welche Karte? Spielanweisung im Vivaldi-Saal.
Wer zieht welche Karte? Spielanweisung im Vivaldi-Saal.Foto: Gregor Dotzauer

Universalgelehrter mit einer Leidenschaft für Richard Wagner. Schwarzer Bürgerrechtler mit Posaune. Star- Trek-Fan mit einem Hang zu Gilles Deleuze. Es gibt viele Beschreibungen, die auf George E. Lewis zutreffen würden. Am Ende taugt aber wohl nur: Unikum. Denn Lewis, 1952 in Chicago geboren, ist ein künstlerischer Tausendsassa, dessen audiovisuellen Aktivitäten man mit der Bezeichnung Musiker allein längst nicht mehr gerecht wird. Seit 1971 gehört er zur afroamerikanischen Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM), einer 1965 in Chicago gegründeten Vereinigung, die sich der Verschmelzung zeitgenössischer Kompositionstechniken mit dem Free Jazz verschrieben hat. Und wie viele Identitäten hat schon der Musiker. Es gibt den Blechblasvirtuosen, der mit Count Basie, John Zorn und Laurie Anderson gespielt hat. Den Elektroniker, der sich mit der Computersoftware „Voyager“ einen nichtmenschlichen Improvisationspartner programmierte. Und den Komponisten, der am Pariser IRCAM von Pierre Boulez zu Gast war und sich zuletzt sogar an einer Oper namens „Afterword“ über die Frühzeit der AACM versuchte.

Zusammen mit Benjamin Piekut ist er überdies der Herausgeber des „Oxford Handbook of Critical Improvisation Studies“, eines seit Jahren angekündigten Mammutwerks, das Mitte 2016 endlich erscheinen soll. Lewis, Professor für amerikanische Musik an der Columbia University, warnt indes vor Missverständnissen: „Es ist nicht wirklich ein Buch über Improvisation in der Musik – auch wenn viele der Autoren von Musik geprägt sind. Es handelt von Improvisation als einer menschlichen Grundverfassung.“

Universalgelehrter mit Musikprofessur. George E. Lewis.
Universalgelehrter mit Musikprofessur. George E. Lewis.Foto: Berliner Festspiele

Das spiegelt auch „Creative Construction Set™“, die Auftragsarbeit, mit der er nun das Jazzfest eröffnet. Das Berliner Splitter Orchester, mit dem er auftritt, ist dabei ein Nachfahre des Globe Unity Orchesters, das 1966 im Auftrag der Berliner Jazztage seinen Betrieb aufnahm – nur dass die proklamierte Einheit, die damals die Free-Jazz-Fahnen blähte, klanglich buchstäblich zersplittert ist. Die Echtzeitmusikbewegung, der sich die 23 Orchestermitglieder (plus Lewis) zugehörig fühlen (www.echtzeitmusik.de), produzieren nicht nur sonderbare akustische Sounds, sie bringen neben Live-Elektronik auch Field Recordings, DJ-Plattenspieler und Compactcassetten mit.

Der Vivaldi-Saal in einem Moabiter Werkhof, der einmal das Königliche- Corps-Bekleidungsamt beherbergte. Hier üben Lewis und das Splitter Orchester. Wobei Üben ein seltsames Wort für ihr frei improvisiertes Miteinander ist, dem keinerlei reproduzierbare Partitur zugrunde liegt. „Creative Construction Set™“ besteht aus großen Pappkarten mit Spielanweisungen, die einzelne Musiker in den ihnen geeignet erscheinenden Momenten zücken und den anderen entgegenhalten. Unterbrich die Umgebung mit einem kurzen, rauen Klang! Höre eine Weile auf zu spielen! Wenn du einen neuen Klang entdeckst, spiele das Entgegengesetzte! Höre auf damit, wenn der andere Klang es gleichfalls tut!

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