Kultur : Impulse der Aufklärung

Heinz Ludwig Arnolds „Gespräche mit Autoren“.

von

Er war ein großer Erkunder der deutschen Gegenwartsliteratur: Heinz Ludwig Arnold (1940–2011), unter anderem Herausgeber der Zeitschrift „Text und Kritik“. Aber nicht die Kritik machte er zu seiner höchsteigenen Form, sondern das Autorengespräch. Wer in den siebziger und achtziger Jahren Rang und Namen hatte, landete irgendwann vor seinem Mikrofon und ließ sich von den Arnold-Fragen behutsam einkreisen.

Seine „Gespräche mit Autoren“ verweigern das spritzige, aufs Tempo drückende Interview-Format. Arnold ist mehr als ein Fragesteller und Stichwortgeber; er ist der Juniorpartner geduldiger, gern ausufernder Dialoge. Gelegentlich kommt er den Autoren auch kritisch. „Biedermann und die Brandstifter“ hält er für ein schwaches Stück, was Max Frisch spürbar irritiert. Er kritisiert auch die „oberlehrerhaften Gesten“ im Moralismus von Günter Grass; aber das bringt den natürlich kein bisschen aus der Ruhe.

Man hört den Sound der Siebziger: Stets wird die politische Verantwortung des Schriftstellers beschworen, immer wieder geht es um „aufklärerische Impulse“. Arnold ist da Sprachrohr des Zeitgeists. Auffallend sind die Ausweichbewegungen vieler Autoren, die sich dann doch nicht auf die Floskeln des antikapitalistischen Moralismus festlegen lassen möchten. Heinrich Böll bringt den christlichen Glauben ins Spiel, und die Frage Arnolds, ob man „Ansichten eines Clowns“ politisch oder moralisch werten solle, kommentiert er lakonisch: „Nicht auch literarisch?“. Anfangs fragt Arnold zumeist nach den Herkunftswelten der Autoren und ihren Schreibanfängen. Da macht sich ein erstaunlich ungebrochener Biografismus geltend. Nichts von der damals noch frischen Versessenheit auf Diskurse und Strukturen, fern bleibe die Idee vom „Tod des Autors“. Wer das Gespräch mit Autoren zu seinem Genre macht, kann dergleichen nicht brauchen.

Faszinierende Tiefenbohrungen sind die jeweils fast 100-seitigen Gespräche mit Frisch, Enzensberger und Walser – die letzten beiden sind hier erstmals zu lesen. In diesem Band hat man das Panorama einer literarischen Epoche. Im Nebeneinander werden die intellektuellen Physiognomien deutlicher. Arnolds Gespräche sind ein wichtiges Dokument der deutschen Literaturgeschichte – und eine fesselnde Lektüre. Wolfgang Schneider

Heinz Ludwig

Arnold
: Gespräche

mit Autoren.

S. Fischer Verlag,

Frankfurt/Main 2012. 726 Seiten, 24,99 €.

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