Impulse-Festival : Plüschtiere sind auch nur Menschen

Von Lenin bis Lennon: Eindrücke vom Impulse-Festival, dem Theatertreffen der Freien Szene. Liegt das Heil des Theaters in der freien Szene?

Patrick Wildermann

Manchmal werden sie ausgelacht. Oft werden sie vergessen, jene possierlichen Plüschwesen, die für Baumärkte werben oder für Sportereignisse. Trix und Flix heißen sie, oder Smoony und Mäxx. Die deutsch-schweizerische Gruppe Schauplatz International widmet sich in ihrer Arbeit „Mascots“, nun zu sehen beim Impulse-Festival, solchen Maskottchen. Die stets gründlich recherchierenden Performer bemühen sich auf der Bühne, diesen grotesk kostümierten Repräsentanten der globalen Vermarktungsstrategien Mitgefühl beizubringen und abzugewöhnen, beim Sex zu winken. Sie lassen sie eine Szene aus Ingmar Bergmanns „Herbstsonate“ nachspielen, und sie kommen zu dem Schluss, dass auch die Künstler letztlich nur Maskottchen des Kulturbetriebes sind, die am Spielfeldrand stehen, ohne wirklich ins Geschehen einzugreifen.

„Menschen, Tiere, Sensationen“ leuchtet als Slogan auf den Plakaten des diesjährigen Impulse-Festivals, das zum zweiten Mal von den künstlerischen Leitern Matthias von Hartz und Tom Stromberg verantwortet wird. Und zumindest Menschen und Tiere gab es am ersten Wochenende reichlich zu sehen. Als Theatertreffen der Freien Szene versteht sich das Festival, das seit 1990 existiert und aus der unerschöpflichen Menge freier Produktionen die besten auszuwählen verspricht, mehr Off-Theater also, als irgendjemand verkraften kann.

Dabei mögen den Impulse-Scouts und der Jury, der auch die beiden Festivalchefs angehören, auch diesmal sagenhafte Entdeckungen entgangen sein. Und gewiss ließe sich fragen, ob es nicht auch abseits von Sophiensälen, Kampnagel und HAU, deren assoziierte Künstler den Wettbewerb prägen, interessante Arbeiten gibt. Spiegelt die Berlin-Dominanz des Programms die Szene wirklich wieder? Die Hauptstadt ist nun mal der Nabel der freien Theaterwelt. Und sicherlich wäre auch die Frage statthaft, ob Tom Stromberg sich einen Gefallen damit erweist, im Rahmenprogramm die Puppentruppe Das Helmi zu zeigen, die er selbst produziert. Andererseits ist deren Aufklärungsstück „Let’s talk about Sex“, in dem vier Schaumstoffpuppen Verhütungs- und sonstige Paarungsprobleme verhandeln, tatsächlich ein gänzlich unverkrampftes Vergnügen.

Programmpolitik jedenfalls ist ein undankbarer Job im Spannungsfeld aus Proporz, Avantgarde-Anspruch und Publikums-Appeal. Die Impulse-Macher haben gut daran getan, neben Newcomern wie Boris Nikitin, vertreten mit „F wie Fälschung“ nach Orson Welles und einem „Woyzeck“, auf etablierte Namen zu setzen. Die international gefragten Performer von Gob Squad sind eingeladen, obwohl deren Produktion „Saving the World“, eine live ins Theater übertragene Vorort-Befragung von Passanten, sehr vom Auskunftswillen der Flanierenden abhängt.

Der Dokumentartheatermacher Hans- Werner Kroesinger zeigt seine Arbeit „Ruanda Revisited“, eine Recherche über den Völkermord in Ruanda und die Rolle, die der Westen dabei gespielt hat – ein zuweilen überdidaktischer Abend, sicherlich nicht sein stärkster. Aber Kroesinger ist als Veteran des politischen Theaters ein so solitärer wie wichtiger Künstler.

Einen weithin auf Festivals klingenden Namen besitzt auch das internationale Performance-Kollektiv andcompany & Co, deren „Mausoleum Buffo“ auf jeden Fall die ImpulseEinladung rechtfertigt. Im intellektuellen Assoziationsfuror besingen und befragen sie untergegangene wie zukünftige Utopien, schließen Lenin mit Lennon kurz und den Sozialismus mit Disneyland. Auf dem Trümmerfeld der Ideen und Ideale, auf dem Walter Benjamins Engel der Geschichte gestanden hat, basteln sich die andcompany-Performer als Schrottverwertungskünstler ein furioses Gegenwartskaleidoskop zusammen.

Man könnte da auf den Gedanken kommen, dass in Zeiten einfallslos vor sich hin schwächelnder Hochsubventionshäuser das Heil in der Freien Szene zu suchen wäre. Und Gelegenheit gibt es genug im Shuttle-Bus, der die Festival-Orte Mülheim an der Ruhr, Bochum, Düsseldorf und Köln verbindet, den Gedanken zu vertiefen. Der Blick wird auch nicht abgelenkt, die Scheiben sind mit Vaseline eingerieben, eine Kunstaktion. Antworten findet man natürlich trotzdem keine, nicht zuletzt, weil bekanntlich die Trennschärfe zwischen Off- und Stadttheater ein bisschen verloren gegangen ist.

Auch Künstler wie Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen stehen ja schon mit einem Fuß im etablierten Betrieb. Das nicht immer zu Recht hochgehypte Regieduo ist mit der Produktion „Betrügen“ eingeladen, außerdem mit dem schnell zum Festivalsliebling avancierten Stück „Othello, c’est qui“. Darin begegnen sich die Schauspielerin Cornelia Dörr und der Tänzer Franck Edmond Yao, um unter loser Bezugnahme auf Shakespeare kulturellen Differenzen und rassistischen Projektionen nachzuspüren. „Ein Schwarzer, den die Schwarzen nicht kennen“, so nennt Yao, auch nach Telefonaten mit Freunden an der Elfenbeinküste, Othello. Es geht in dem Meta-Stück ebenso um die Frage, ob man 400 Jahre alte Texte spielen muss, wie um Alexander Scheers frühere Tänze in Stefan Puchers „Othello“-Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus. Dort, wo Stromberg Intendant war, und wo davor als „Mohr“ Ulrich Wildgruber wütete, der vor genau zehn Jahren ins Wasser ging. Am Theater hängt doch irgendwie alles mit allem zusammen.

Bis 6. Dezember, Infos unter:

www.festivalimpulse.de

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