Imre Kertész : Die unsägliche Gleichzeitigkeit unserer Zeit

Ein ewig Zweifelnder: Imre Kertész erhält in Berlin den Preis für Verständigung und Toleranz. Ein Gastbeitrag von Michael Naumann

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Zeuge, Ankläger, Schicksalloser. Der 79jährige Schriftsteller Imre Kertész.Foto: dpa

Im Jüdischen Museum Berlin wurde gestern Abend der ungarische Literatur-Nobelpreisträger Imre Kertész mit dem Preis für Verständigung und Toleranz geehrt. Die Laudatio, die wir in gekürzter Version drucken, hielt „Zeit“-Herausgeber und Kulturstaatsminister a. D. Michael Naumann. Die Auszeichnung wird alljährlich vom Jüdischen Museum vergeben.





Der amerikanische Schriftsteller Saul Bellow, Literatur-Nobelpreisträger wie Imre Kertész, hat einmal gesagt, dass ein Jude nicht zu sagen brauche, dass er Jude sei, weil es ihm irgendwann schon von anderen gesagt werden wird.

Imre Kertész war ein Kind, als andere ihm das 1944 in Budapest sagten, als sie ihm erst einen gelben Stern anhefteten und dann als 15jährigen in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau „verbrachten“. Das furchtbare Wort „Verbringen“ gehört immer noch zum Wortschatz der deutschen Bürokratie.

In Kertész’ eigenen Worten hört sich die unerhörte Erfahrung folgendermaßen an: „Mich hat der Holocaust zum Juden gemacht... Später habe ich mir eine Lebensaufgabe gestellt, die es erfordert, die Qualität meines Judentums für mich zu erklären“. Er sei, sagte er in seiner literarischen Selbstermittlung, in dem Buch „Dossier K“, „ein Jude, der mit keiner der vor Auschwitz bekannten Lebensformen noch irgendetwas zu tun hatte“.

Er ist, wie er an anderer Stelle schreibt, sozusagen in sein Judentum „hinbefohlen worden“. Der Befehl kam als tödliche Identitätsstiftung, genauer, als Todesurteil einher, ausgestellt von der deutschen Mordmaschine, gelenkt von den Bürokraten des Büros Eichmann in Budapest, die zwischen März und Juli 1944 unter Mithilfe einer putschbereiten Budapester Gendarmerie 400 000 ungarische Juden in die Gaskammern von Auschwitz-Birkenau, Sobibor und anderswo schickte. Ganz wenige von ihnen haben überlebt, und einer war der 15jährige Imre Kertész. An der Selektionsrampe lernte er das entscheidende, lebensrettende erste jiddische Wort kennen, nämlich sechzain. Dieses Alter, so flüsterten ihm die unseligen Helfer des SS-Arztes zu, solle er angeben, wenn er gefragt werde. So wurde er zur verbrauchbaren Arbeitskraft, anders als die Kinder, Greise oder Mütter, die unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet wurden.

Wer seine Bücher liest, setzt sich einem Schock aus, denn Imre Kertész hält für den, der ihn liest, die Geschichte an. Durch die Augen eines 15-Jährigen schauen wir auf die Krematorien von Auschwitz, erleben wir die freundliche Geste eines SS-Arztes, der einen scheinbar 16-Jährigen zum Leben verurteilt, das zugleich stehen bleibt angesichts unbegreifbarer Erfahrungen mitten im großen Sterben. Drei Tage nach seiner Ankunft wurde Imre Kertész einmal mehr in einem Waggon „verbracht“ – diesmal nach Buchenwald, in jenes KZ auf den lieblichen Hügeln über Weimar, jener Stadt der deutschen Klassik, über deren Kirchtürmen Zehntausende Sklavenarbeiter vegetierten, hungerten und ermordet wurden, ganz so, wie es das Totenbuch von Buchenwald ausweist: mit seinen unzähligen Eintragungen von Todesursachen, deren häufigste ein so genanntes „Herzversagen“ war.

Das Buch liegt in den Räumen des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen aus, dort, wo in kilometerlangen Aktenbeständen mit erschreckender Akribie buchstäblich ungezählte Menschenschicksale von dem zeugen, was wir heute Holocaust nennen, was aber für den überlebenden Imre Kertész sehr, sehr lange unaussprechbar blieb. Bis er sich hinsetzte und den „Roman eines Schicksallosen“ schrieb. Er schrieb, unter jämmerlichen Umständen, um sein Leben, genauer – um den Zufall seines Lebens. Das Buch erschien erstmals 1973 in Ungarn, verschwand aber im Orkus eines politisch organisierten Desinteresses. Es sollte dieser Roman Jahrzehnte später in aller Welt übersetzt die Grundlage seines Ruhmes bilden, wenngleich Ruhm gewiss das Letzte war, was ihm während der fast zehn Jahre währenden Niederschrift vor Augen gestanden haben mag.

„Ich habe“, sagt er, „den ‚Roman eines Schicksallosen’ nie einen Holocaust-Roman genannt, wie andere, weil das, was man den Holocaust nennt, in einem Roman nicht fassbar ist. Ich habe über einen Zustand geschrieben, und obzwar der Roman das unsagbare Erlebnis der Todeslager als eine allgemein menschliche Erfahrung zu gestalten sucht, habe ich mich in erster Linie doch mit den ethischen Folgen des Erlebens und des Überlebens befasst. Deshalb wählte ich für den Titel den Begriff Schicksallosigkeit. Das Erlebnis der Todeslager wird nämlich dort zu einer allgemein menschlichen Erfahrung, wo ich auf die Universalität des Erlebnisses stoße. Und das ist Schicksallosigkeit, dieser charakteristische Zug der Diktaturen, den Menschen seines eigenen Schicksals zu enteignen, es in ein Massenschicksal zu verwandeln, ihn zu verstaatlichen, zu entpersönlichen.“

Die Rolle, die ihm als Essayist und Autor jenes Buches und all der nachfolgenden Romane wie „Fiasko“ oder „Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“ zugewachsen ist, bereitet ihm Unbehagen. „Es ist eine bittere Sache, den Stempel des Überlebens zu tragen, für das es keine Vergebung gibt. Du bist geblieben, um den Mythos von Auschwitz zu verbreiten. Geblieben als eine Art Wundertier. Man lädt dich zu Jahrestagen ein, nimmt dein zögerndes Gesicht, deine zögernde Stimme auf Filmbändern auf, du merkst gar nicht, dass du zum kitschigen Nebendarsteller in der falschen Erzählung geworden bist. Du merkst erst zu spät, dass du deine Rolle bereits gespielt hast, dass man deiner hier nicht mehr bedarf.“

Nein, Imre Kertész, Einspruch, das stimmt nicht, denn Sie sind nicht derjenige geworden, der aus einem Spielberg-Film zu uns spricht. Sie sind unter uns, Gottlob, anders als Primo Levi, anders als Jean Améry oder Paul Celan, die einen anderen Ausweg aus ihrem großen Unglück gewählt haben. Sie sind zum Zeugen und Ankläger der unsäglichen Gleichzeitigkeiten unserer Zeit geworden. Ihrem dichterischen Werk, Ihren Essays ist eine Erfahrung eingeschrieben, die Sie in einem furchtbaren Satz zusammenfassen: „Ich hatte das einfache Geheimnis der mir zugedachten Welt begriffen: überall und jederzeit erschießbar zu sein.“

Sie haben sich aus dieser Erfahrung niemals freigeschrieben. Weil das offen gelegte, gleichwohl furchtbare Geheimnis weiterhin für Millionen anderer Menschen gilt, die seit 1945 in mehr als 50 genozidalen Aktionen Massenmördern zum Opfer fielen, repräsentieren Ihre Bücher einen universalen Anspruch auf Wahrheit. Dieser Anspruch stellt die Einzigartigkeit des Völkermordes an Europas Juden nicht infrage, sondern ist ein Erkenntnisgewinn, den Sie in schwer erträgliche Worte gefasst haben. Sie schreiben: „Wenn wir geglaubt haben, dass ein Ereignis wie Auschwitz die ganze christliche Kultur erschüttert hat und erschüttern musste, wenn wir geglaubt haben, dass aus diesem Bewusstsein eine neue Moral entsteht, wie ich es Ende der 80er Jahre wirklich geglaubt habe, dann muss ich sagen, ich habe mich geirrt. Ich muss es zurückziehen.“

Dem politisch ritualisierten Prozess des Gedenkens stehen Sie skeptisch gegenüber. Dass in Erinnerung Erlösung beschlossen sei, scheint ein allzu frommer Glaube zu sein. Wer die sichtbaren Zeichen des unverschämten, also schamlosen Antisemitismus in Deutschland ernst nimmt, wird Ihnen recht geben müssen: „Auschwitz wird für die neuen Generationen immer mehr zu einer fremden Geschichte“, schreiben Sie. Aber, „hier muss die Literatur eintreten.“ Es ist vielleicht der einzige tröstliche Satz in Ihrem von Trost so weit entferntem Werk, den ich gefunden habe. Doch er zeigt uns, wie Sie mit Ihrer gesamten Existenz als Schriftsteller von einer Hoffnung getragen werden, die doch ganz quer zu Ihren Texten selbst zu liegen scheint und deren Kraftquelle allenfalls in einer geradezu unerbittlichen Ironie liegt. Sie prägt ihren Blick auf sich selbst und ganz gewiss auch auf uns alle.

Ähnlich wie Adorno, von dem er selbst nicht viel hält, spricht Kertész von einer ästhetisch-moralischen Verblendung, die Kunst und Kultur über unsere tödliche Epoche gelegt hätten. Wer über europäische Kultur spreche, so Kertész, käme rasch bei der „Frage des Mordes“ an. Und weil das so ist, ist Imre Kertész zu einem der radikalsten Kritiker des totalitären Denkens geworden, also all jener politischen Ideologien, die einem angeblichen historischen Determinismus folgend, auf dem Weg ins Menschheitsglück über Leichen gehen.

Dabei geht es ihm nicht um die unselige Diskussion, um die Formel Rot = Braun, sondern um die tiefgründigere Frage, ob die Realität von Auschwitz wirklich, wie Imre Kertész’ Freund Peter Nádas hofft, „zum universalen Maßstab von Ethik, Politik und Recht geworden ist“. Vielleicht kann man es anders sagen: Auschwitz sollte dieser Maßstab sein, ist es aber nicht. Wer auf die Ereignisse in Kambodscha oder Ruanda und jüngst im Kongo schaut, wer die mehr als 200 000 Toten des Balkankonflikts bedenkt, stößt auf die Erkenntnis von Peter Nádas, die er bei der Lektüre von Imre Kertész gewonnen hat, dass es eine mörderische Kontinuität in der Menschheitsgeschichte gibt, „wo andere höchstens einen zivilisatorischen Kurzschluss, das unerklärliche Werk des Bösen oder das Tun des Zufalls sehen möchten“.

Die Preise, die ihn ausgezeichnet haben, weisen Imre Kertész als Künstler aus. Aber das, so glaube ich, ist er nur in einer Nebenrolle. Er selbst sieht sich als ewig Zweifelnden. Auf Celan verweisend beschreibt er seine Arbeit als „ein Schaufeln jenes Grabs, das andere für mich in der Luft zu graben begonnen haben.“

Es stimmt schon, wir leben immer noch in finsteren Zeiten. Sie zu beschreiben und zu deuten, hat sich Imre Kertész zur Aufgabe gemacht. Und im seinem Gelingen ist die Hoffnung nicht nur für ihn, sondern auch für uns alle beschlossen, dass diese Zeiten irgendwann enden mögen.

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