Kultur : In 350 Bildern um die Welt

Der rechte Augenblick: Eine Retrospektive würdigt den Fotografen Henri Cartier-Bresson

Kai Müller

Er ist der Held einer Zeit, als Fotoreporter die Augen der Welt waren. Henri Cartier-Bresson studierte mit seiner Kamera Erdregionen, in denen sich die Geschichte in Lumpen kleidet. Obwohl es Aufsehen erregendere, schockierendere und grandiosere Aufnahmen gibt, geht von Cartier-Bressons Werk ein unübertroffener Zauber aus. Er, der mit dem Manifest „L’instant décisif“ den richtigen Moment als Kern des fotografischen Bewusstseins benannt und ausgelotet hat, trotzte der Flüchtigkeit immer wieder Bilder ab, die aus der Zeit gestanzt sind.

Da sind die drei Gestalten, die im Schneegestöber an einer Straßenkreuzung in Sibirien darauf warten, von irgendjemandem abgeholt zu werden. Da ergießt sich ein Regenschauer über die ausgedörrten Hänge des Popocatepetl- Vulkans, während im Vordergrund ein gestürztes Kreuz darauf wartet, vom Wind endgültig umgeblasen zu werden. Da sind Picknick-Szenen am Ufer der Marne (1938), auf einem georgischen Feld (1972) oder unter Seine-Brücken (1955). Erst heute, vom Ende aus betrachtet, entschlüsselt sich das Gesamtwerk des Fotografen als eine Suche nach Stille. Nicht umsonst prangen auf den Wänden des Martin-Gropius-Baus, der dem 96-jährigen Cartier-Bresson die bislang größte Retrospektive widmet, Sätze wie: „Denkt daran: Nichts ist von Dauer außer der Veränderung.“ Das Buddha-Zitat dürfte dem in Asien weit gereisten Gründer der Magnum-Agentur mehr als nur ein weiser Hinweis gewesen sein. Fühlte sich der hoch gewachsene, burschenhafte Unternehmersohn doch einer geistigen Strömung zugehörig, deren Galionsfiguren Sartre, André Gide, Louis Aragon oder Paul Nizan waren. Wobei die Brutalität der Epoche, die sich in blutigen Kriegen, epidemischen Hungerkatastrophen und gesellschaftlichen Umbrüchen ausdrückte und von der auch Sartres düsterer Existenzialismus spricht, sich nur selten in den Schwarzweiß-Bildern des Ästheten Cartier-Bresson wiederfindet. Beinahe könnte man übersehen, wie oft er Verwahrlosung und Armut mit seiner Kamera porträtiert hat.

Das liegt nicht nur daran, dass Cartier- Bresson ursprünglich Maler werden wollte. Seine schönsten Bilder sind aus verwegenen Blickwinkeln aufgenommen, stürzende, schiefe und einander kreuzende Achsen strukturieren die Perspektive und zerstückeln sie zugleich. Dem Betrachter geht es wie den Fischern, die Cartier-Bresson 1950 am Ufer des Nils beobachtete: Um an ihren Fang heranzukommen, müssen die Männer unter das Netz tauchen, das sie selbst zu Gefangenen macht.

Jahrzehntelang galt Cartier-Bresson als gesichtsloser Mythos. Denn er weigerte sich, selbst fotografiert zu werden. Erst jetzt, mit der ursprünglich für die Bibliotheque nationale de France konzipierten Überblicksausstellung, gewährt der Künstler erstmals einen Blick in sein Privatarchiv und stellt sich auch selbst aus. 350 Bilder reichen dafür gerade eben so aus.

Retrospektive, Martin-Gropius-Bau, Kreuzberg, vom 15. Mai bis 15. August, Mi–Mo 10–20 Uhr. Katalog: 49,80 €

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