Kultur : In allen Liebeslagen

Anna Netrebko, Jonas Kaufmann und Erwin Schrott in der Waldbühne

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Ménage á trois. Erwin Schrott, Jonas Kaufmann und Anna Netrebko am Dienstag in Berlin. Foto: dapd
Ménage á trois. Erwin Schrott, Jonas Kaufmann und Anna Netrebko am Dienstag in Berlin. Foto: dapdFoto: dapd

„O Signora, Signorina / zärtlich klingt die Cavatina“ – in diesem Operettenvers aus Franz Lehárs „Giuditta“ ballt sich alles zusammen, was die 20 000 Fans von Anna Netrebko, Jonas Kaufmann und Erwin Schrott am Dienstagabend an Erwartungen mit in die Waldbühne bringen. Ganz große Oper soll es sein, mit den drei medienwirksamsten Stars, die das Klassikbusiness derzeit zu bieten hat, monumental, leidenschaftlich, von südländischem Temperament durchpulst.

Denn Musiktheater, das ist für jene, die Arien-Potpourris unter offenem Himmel zu genießen wissen, vor allem eine Frage des Gefühls. Was sie wollen, ist glodernde Lut, wie es Edmund Stoiber so treffsicher zu formulieren wusste. Da geht es ums Abtauchen in Geschichten, in denen sich alles ununterbrochen um Fragen von Liebe oder Tod dreht, und – im Schlepptau der leidenden, sich verzehrenden Protagonisten – auch ums Freilassen eigener Emotionen. Um Katharsis – zu Neudeutsch: Wellness für die Seele.

Und das lassen sie sich viel kosten: Bis zu 235 Euro, mindestens aber sechzig Euro musste investiert werden für dieses „Gipfeltreffen der Stars“. Da kann man dann eigentlich auch einen lauen Sommerabend verlangen! Schließlich klingen unterm Balkon gesungene Cavatinen einfach besser, wenn der Interpret dabei nicht mit den Zähnen klappert.

Doch der Berliner Sommer will sich nun einmal nicht freilufteventtauglich zeigen, Giuseppe Verdi hin, Giacomo Puccini her. Weil das ZDF das Konzert zeitversetzt sendet, strahlen immerhin unzählige Scheinwerfer unterm Waldbühnen-Zeltdach auf Frau Netrebko und ihren beiden Männer herab. Sie simuliert dann auch ganz offensiv Augusthitze, trägt schulterfreie Roben, zitronengelb vor der Pause, nachtblau im zweiten Teil. Es gibt großflächige atmosphärische Projektionen im Hintergrund und einen Lichterketten-Lüster, der irgendwie nach Empire-Stil aussehen will. Was aber nur stellen die sechs Hungerharken dar, die rund ums Podium in die Höhe ragen? Sind diese Schwellkörper aus mitteldichter Faserplatte  – ja, worum geht es denn in den Arien?! – vielleicht sogar sexuell konnotiert?

Viel gibt es an solchen Open-Air- Abenden, was die Konzentration vom Wesentlichen ablenkt, von der Musik, derentwegen man doch eigentlich gekommen ist. Entsprechend groß ist die Verantwortung der Künstler, die Veranstaltung nichts ins Seichte abgleiten zu lassen. Erwin Schrott, Netrebkos Ehemann, muss am Dienstag als erster raus auf die Bühne. Die Registerarie des Leporello aus Mozarts „Don Giovanni“ ist sein Paradestück, da sitzt jeder Ton so perfekt wie sein Samtsakko. Als nächstes verströmt sich seine Frau, nicht als Donna Anna, sondern, ins italienische Fach springend, als Madama Butterfly. Jonas Kaufmann bleibt im Lande, mit „Cielo e mar“ aus „La Gioconda“, der Erfolgsoper von Puccinis Lehrer Amilcare Ponchielli. Die Prager Philharmonie hebt unter Marco Armiliatos Leitung an – und kurz muss man an Rolando Villazon denken, Netrebkos ersten Bühnentraumpartner, der vor fünf Jahren, beim letzten Waldbühnenauftritt der Russin, an ihrer Seite sang. Villazons letztes Album vor der großen Stimmkrise ist just nach dieser Arie benannt.

Kaufmann allerdings braucht nur ein paar Töne, um zu beweisen, dass es derzeit keinen besseren Tenor gibt als ihn. Weil er einfach in jedem Stil absolut sicher ist. Grandios, wie er „Cielo e mar“ gestaltet, mit genuiner italianità bis hinein ins zuckersüße Pianissimo. Um dann im „Manon“-Duett mit Netrebko auf den idealen, schlanken Ton für Massenet umzuschalten. Geradezu perfide, wie er später die Operetten-Schnulzen auskosten wird, bis hin zur eingangs erwähnten „Giuditta“-Zugabe.

Perfekter Schöngesang erklingt, wenn sich Anna Netrebko in die „Trovatore“- Leonore verwandelt, sehr kultiviert wirken ihre Liebesschwüre im „Porgy & Bess“-Duett mit Erwin Schrott. Erstaunlich wenig mainstreamig ist überhaupt die Auswahl der Stücke, vielleicht sogar ein wenig zu effektarm in den Finali. Und obwohl sie beim Schlussapplaus alle drei mit Sektgläsern auf der Bühne erscheinen, verweigern die Umjubelten am Ende ihren Fans das bei Freiluft-Events eigentlich obligatorische „Traviata“-Trinklied. Auch das muss man sich erst einmal trauen.

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