Kultur : In aller Heimlichkeit - zur Stabilisierung des Regimes

Enrico Syring

Noch immer kann die historische Forschung nicht wirklich zufriedenstellend erklären, weshalb die politische wie auch die militärische Elite Deutschlands während des Zweiten Weltkrieges buchstäblich bis zum bitteren Ende einem verbrecherischen Regime die Treue hielt. So ist auch die von dem amerikanischen Historiker Gerhard L. Weinberg, bekannt für seine recht eigenwilligen Beurteilungen, verfochtene These, Hitler habe seine Eliten schlicht durch Geschenke bestochen, sicherlich überzogen. Gleichwohl hat sie einen wahren Kern, der zwar von der Geschichtswissenschaft in der DDR schon hier und da thematisiert, bis dato aber nie systematisch untersucht worden ist: Hitlers seit langem bekannte Neigung zur Vergabe wahrhaft großzügig bemessener Bar-, Sach-, und Landgeschenke, sogenannter Dotationen.

Nun waren diese Dotationen keine Erfindung der Nationalsozialisten. Seit dem 17. Jahrhundert pflegten europäische Monarchen die Tradition, herausragende Leistungen - zumal im Kriegsdienst - durch die Vergabe von Grundeigentum oder höheren Geldbeträgen zu belohnen. Wodurch diese alte Gepflogenheit unter den Nationalsozialisten mehr als problematisch wurde, das waren vor allem die verbrecherischen Rahmenbedingungen, unter denen man nun wieder auf sie zurückgriff. Aber auch die Anzahl und die Höhe der jetzt ausgeworfenen Geschenke gingen weit über jedes bis dahin bekannte Maß hinaus. Zudem war oft kein Grund für die Vergabe der Dotationen erkennbar, die sich ohne Ausnahme in aller Heimlichkeit vollzog.

Führers alleinige Entscheidung

Wie der Freiburger Militärhistoriker Gerd Ueberschär und der pensionierte Bundeswehrgeneral Winfried Vogel in ihrer Untersuchung überzeugend herausarbeiten, steckte hinter all dem der ausdrückliche Vorsatz Hitlers, seine Eliten zu korrumpieren, sie sich persönlich zu verpflichten. Auch deshalb unterlief der Diktator jeden Versuch seiner beamteten Mitarbeiter, die Vergabe von Dotationen an ein irgendwie geregeltes Verfahren zu binden. Ob und in welcher Höhe eine Schenkung erfolgte, sollte seiner willkürlichen Entscheidung vorbehalten bleiben.

Bedacht wurden nicht nur hohe Militärs, NS-Führer oder Beamte, sondern auch Schauspieler, Bildhauer und andere Künstler sowie Privatpersonen, deren tatsächliche oder oft auch vermeintliche Bedürftigkeit Hitler zufällig zu Gehör kam. Auch brachte sich manch einer selbst für ein solches Geschenk des Führers ins Gespräch - und in aller Regel wurde allen "geholfen".

Ueberschär und Vogel sehen sich außerstande, die während der nationalsozialistischen Herrschaft gewährten Dotationen aller Art auch nur ansatzweise zu quantifizieren. Es entsteht aber immerhin der Eindruck einer ungeheuren Verfilzung zwischen Diktator, Eliten und Bevölkerung, die zur der erstaunlichen inneren Stabilität und der Popularität des Regimes beigetragen haben dürfte. Denn selbst Personen, die dem Nationalsozialismus zumindest mit gewissen Vorbehalten gegenüberstanden, etwa im Zorn ihres Kommandos enthobene hohe Militärs, konnten auf diesem Wege durchaus wieder eingebunden werden. Es ist kein Fall bekannt, dass eine solche Dotation tatsächlich einmal zurückgewiesen worden wäre. "Die Bedachten erröteten schamhaft, aber sie nahmen", könnte man in Anlehnung an Friedrich den Großen salopp formulieren.

Ein schlechtes Gewissen blieb bei den meisten gleichwohl zurück, denn ein offenes Bekenntnis, derartige "Führergeschenke" erhalten zu haben, war nach 1945 - bestenfalls - eine seltene Ausnahme. So sind inzwischen auch Fälle bekannt geworden, in denen sich diese wirklich großzügigen Geschenke noch heute im Besitz der Familien oder der Nachfahren befinden, die jedes Ansinnen, sie wieder zurückzugeben, empört von sich weisen.

Ist die von Ueberschär und Vogel umrissene weitgehende Verfilzung ein Spezifikum des "Dritten Reiches"? Ist sie nicht allen (totalitären) Diktaturen mehr oder weniger eigen? Oder handelt es sich dabei um eine systemunabhängige und ganz und gar "überzeitliche" Erscheinung? Sicherlich waren die verbrecherischen Rahmenbedingungen eine Besonderheit der damaligen Zeit. Doch wo fängt Korrumpierbarkeit an? Verfolgt man die Meldungen, dann ist immerhin das Phänomen der persönlichen "Vorteilsnahme im Amt" sehr wohl auch in unseren Tagen anzutreffen. Aktuelle Beispiele gibt es ja genug. Durch diese Feststellung wird jedoch nichts beschönigt oder gar "relativiert" - aber auch nichts "verabsolutiert".Gerd R. Ueberschär, Windfried Vogel: Dienen und verdienen. Hitlers Geschenke an seine Eliten. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1999. 302 Seiten. 44 DM.

Am 18. Februar diskutieren Brigadegeneral a. D. Winfried Vogel und Hans-Erich Volkmann (Militärgeschichtliches Forschungsamt) über Hitlers Geschenke. Die Veranstaltung beginnt um 20 Uhr in der Heinrich-Böll-Stiftung, Hackesche Höfe, Rosenthaler Straße 40-41.

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