Kultur : In Baden-Baden sind die Brücken hell

Nach Flick nun Frieder Burda: In diesem Herbst gehört die Kunst den Sammlern

Christina Tilmann

Es ist der Herbst der Sammler – und der Fragen, wie die staatlichen Institutionen mit ihrem neuen Glück umgehen. Drei Fälle, drei Varianten. Über Friedrich Christian Flicks siebenjährige Leihgabe an den Hamburger Bahnhof in Berlin ist viel gestritten worden: Der Sammler finanziert den Ausbau der benachbarten Rieck-Halle, die Staatlichen Museen zu Berlin tragen den Unterhalt und haben dafür die kuratorische Hoheit. Fall zwei: Gerade hat der Sammler und Galerist Paul Maenz angekündigt, seine Sammlung für Gegenwartskunst aus Weimar abzuziehen. Die umfangreiche Kollektion, für die extra das Neue Museum umgebaut wurde, ging 1998 zu einem Drittel als Schenkung, zu einem Drittel als Ankauf, zum letzten Drittel als Leihgabe an die Stadt. Nun will der Sammler seine Werke notfalls sogar zurückkaufen (vgl. Tsp vom 22. 10.).

Der dritte Fall wirkt vergleichbar unproblematisch: Der Kunstsammler Frieder Burda hat sich für 20 Millionen Euro in Baden-Baden ein eigenes Museum bauen lassen, von US-Architekt Richard Meier. Die Finanzierung von Bau und Museum, die über eine 1998 gegründete Stiftung läuft, sei relativ einfach, so der Sammler: „Frieder Burda zahlt alles.“ Allerdings: der Neubau liegt direkt neben der Kunsthalle Baden-Baden, am Herzstück der Kurstadt, der grünen Flaniermeile der Lichtentaler Allee. Die Stadt überließ das Grundstück zur Erbpacht, Kunsthalle und Burda-Museum verbindet fortan eine Brücke, und für die Erstpräsentation, die ab diesem Wochenende zu besichtigen ist, wurde die gesamte Kunsthalle freigeräumt.

Was wie eine direkte Übernahme wirkt, wird als beispiellose Zusammenarbeit zwischen Staat und Privatmann gerühmt. Und ist recht nahe liegend: Die Kernstücke der Sammlung Burda, Richter, Polke, Baselitz, sind in Baden-Baden keine Unbekannten. Vor dreißig Jahren gab es in der Kunsthalle eine legendäre Ausstellung „14 mal 14“, bei der im Zwei-Wochen-Rhythmus das Programm gewechselt wurde. Mit dabei: Richter, Baselitz, Kiefer, Lüpertz, Schönebeck.

Die Sammlung Frieder Burda ist hochkarätig, keine Frage: Sie hat die schönsten (und meisten) Richters in Deutschland, die poetische „Kerze“ zum Beispiel, die nun still und erhellend am Übergang zwischen Kunsthalle und Museum leuchtet, den Zyklus „Bühler Höhe“, der ein Landschaftsbild auflöst in Farbfetzen und Schrunden, dazu frühe Werke wie das großartige dreiteilige „Stadtbild TR“, die „Zwei Fiats“ oder den Zyklus der Familie Baker, den Richter zerschnitten und mit weißen Farbflocken überzogen hat. Frieder Burda hat Richter – auch Polke – früh entdeckt. Das zahlt sich aus.

Und doch erkennt man angesichts der klugen, kenntnisreichen, auch bewusst lückenhaften Zusammenstellung erst den Furor, die Sperrigkeit einer Sammlung Flick, mit ihrer unaufgearbeiteten, megalomanen Anhäufung von Gegenwartskunst. Verglichen damit ist die Sammlung Burda eine Schatzkästlein der Kunst des 20. Jahrhunderts, mit überraschenden Schlenkern zum Abstrakten Expressionismus (darunter erstaunliche Mark Rothkos) und einer recht vorhersehbaren Wendung zur gegenständlichen Malerei eines Eberhard Havekost, einer Corinne Wasmuth in der Gegenwart. Überraschen tut diese mit 550 Werken überschaubare Sammlung selten – höchstens durch durchgängige Qualität.

Der Eindruck klassischer Eleganz wird bestärkt durch Richard Meiers Museumsbau. Der amerikanische Architekt hat sich – nach Mega-Projekten wie dem Getty-Museum in Los Angeles – wieder auf seine Anfänge als Villen-Architekt besonnen. Auch das Burda-Museum ist eine „Villa im Park“, ein zurückhaltend auftretender Bau „mit menschlichem Maß“, der der klassizistischen Kunsthalle und der Natur um beide herum stets den Vorrang gibt. Er wirkt, als habe Meier den klassischen White Cube nur sacht auseinander genommen: hier eine Wand nach vorn gezogen, dort das Dach gelüpft, ja, das gesamte dritte Geschoss als Raum im Raum aufgeständert. Und durch alle so entstandenen Lücken dringt Licht, Luft, Grün herein. „Richard Meier hat kalifornisches Licht nach Baden-Baden gebracht“, nennt es Klaus Gallwitz, Gründungsdirektor des Museums. In der Reihe der sensibel mit Natur und Umgebung arbeitenden privaten Kunst-Neubauten der letzten Jahre, etwa Renzo Pianos „Fondation Beyeler“ in Basel oder Tadao Andos unlängst eröffnete „Langen Foundation“ in Hombroich bei Neuss, reiht Meiers Bau sich nahtlos ein.

Parallelen drängen sich auch anderswo auf. Denn wie im Fall Flick liegt auch diesem Museum eine Familienauseinandersetzung zugrunde – wenn auch eine friedlichere: Im Hause Burda hat man sich schon immer Konkurrenz als Sammler gemacht. Da gibt es den Bruder, Burda-Verleger Hubert Burda, ebenfalls ein engagierter Kunstsammler, und auch der Vater Franz Burda sammelte. Seine Kollektion deutscher Expressionisten von Beckmann bis Kirchner bildet den Grundstock der Sammlung Frieder Burda. Auch die Faszination der Farbe, von Richters „Farbflächen“ bis hin zur expressiven jungen Malerei, kommt nicht von ungefähr: Immerhin machte Vater Burda sein Vermögen, ja seine Verlegerkarriere erst durch die Erfindung des Farbdrucks.

Die Herkunft der Familie aus Böhmen war ein Hintergedanke auch beim jüngsten Ankauf: Anselm Kiefers großformatiges Bild „Böhmen liegt am Meer“ hängt programmatisch als Blickfang im Entree. Und Kurator Klaus Gallwitz zitiert Ingeborg Bachmanns gleichnamiges Gedicht, auf das der Bildtitel verweist: „Sind hierorts Häuser grün/Tret’ ich noch ein in ein Haus./Sind hier die Brücken hell,/Geh’ ich auf gutem Grund.“ Brücken, Grün und guten Grund: Alles hat Frieder Burda in Baden-Baden gefunden.

Sammlung Frieder Burda, Baden-Baden. Di bis So 10 bis 18 Uhr, Mi bis 20 Uhr. Eröffnungsausstellung bis 20.02.. Katalog (Hatje Cantz Verlag) 29 €. Informationen unter www.sammlung-frieder-burda.de

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