• In Berlin zu Hause, mit Claudio Abbado befreundet und trotzdem nie in der Hauptstadt aufgetreten

Kultur : In Berlin zu Hause, mit Claudio Abbado befreundet und trotzdem nie in der Hauptstadt aufgetreten

Frederik Hanssen

Schauplatz: Ferrara, Teatro Communale. Claudio Abbado, der Verschlossene, der große Schweiger, ist vollkommen entspannt. Die Probe mit Martha Agerich und dem Mahler Chamber Orchestra läuft prima, Beethovens zweites Klavierkonzert erhält den letzten Feinschliff für heute Abend. Freundlich und präzise erklärt der Dirigent der Solistin und den Orchestermusikern, wie er sich dieses Motiv, jene Passage noch perfekter vorstellen kann - und bekommt, was er wünscht. Ja, der sonst so stille Maestro ist sogar zu Scherzen aufgelegt. Nicht einmal das Handy, das plötzlich irgendwo im Zuschauerraum klingelt, kann ihn um seine blendende Laune bringen. Der Beobachter sitzt in seiner Loge und staunt.

Ortswechsel: Berlin, Prenzlauer Berg, das "Haus der Creativen", dritter Hinterhof. Im Büro des Mahler Chamber Orchestra stehen die drei Telefone kaum eine Minute lang still. Natalie Bierbach verhandelt auf Italienisch mit einem Musiker, Michael Adick gibt Informationen auf Englisch, von nebenan hört man Andrea Zietschmann Französisch sprechen. Zwischen den Telefonaten erzählen die Kulturmacher ihrem Besucher die Geschichte des MCO, des Mahler Chamber Orchestra: Begonnen hatte alles dank Claudio Abbados Passion, mit dem professionellen Nachwuchs zu arbeiten. Bereits 1978 gründete der Dirigent das Jugendorchester der Europäischen Union, 1986 folgte das Gustav Mahler Jugendorchester. Mit beiden Ensembles geht er oft auf Reisen.

Weil es aber Sinn und Zweck eines Jugendorchesters ist, dass ständig neue Mitglieder nachrücken, saß irgendwann 1997 eine Gruppe "Herausgewachsener" zusammen, die sich nicht trennen wollte. Also beschloss man, mit einem eigenen Erwachsenen-Ensemble weiterzuarbeiten. Claudio Abbado war sofort begeistert - und das Gustav Mahler Chamber Orchestra war geboren. Als Standort bot sich Berlin an - nicht nur der Nähe von Abbados Arbeitsplatz beim Berliner Philharmonischen Orchester wegen, sondern auch, weil es den Organisatoren Reisekosten spart: In der Stadt kommt im Verlauf einer Saison (fast) jeder Dirigent vorbei, der international einen Namen hat. Und nur mit denen will man zusammenarbeiten. Inzwischen haben sich die Musiker des Mahler Chamber Orchestra in Ferrara, Rom und Mailand, beim Festival von Aix-en-Provence, in Neapel, Brüssel, Stockholm und Tokio bejubeln lassen. Nur in Berlin sind sie noch nie aufgetreten.

"Als frei finanziertes Orchester sind wir darauf angewiesen, dass die Abendeinnahmen unsere Kosten decken", erklärt die Orchestermanagerin Andrea Zietschmann, "dafür aber ist das Preisniveau in Berlin zu niedrig. Hinzu kommt, dass wir hier extra einen Probenraum mieten müssten." Dieser Kostenfaktor entfällt natürlich, wenn eine Stadt das Mahler Chamber Orchestra für eine mehrwöchige Arbeitsphase einlädt. So wie zum Beispiel Ferara. Die traumschöne, zwischen Bologna und Venedig gelegene Stadt empfängt die Musiker seit 1998 zweimal jährlich als orchestra in residence. Hier können sie die Programme proben, mit denen sie dann in Italien auf Tour gehen. Im Februar 1999 entstand so ein "Falstaff" unter Claudio Abbados Leitung, in diesem Jahr eine "Così fan tutte", ebenfalls mit dem Maestro.

Ohne derlei Synergieeffekte würden sich die anspruchsvollen Projekte nicht rechnen. "Die Musiker machen nicht wegen des Geldes mit, sondern, weil sie Lust darauf haben, interessante Werke mit spannenden Dirigenten und Solisten zu erarbeiten", betont Michael Adick. Zum Beispiel auch mit Daniel Harding, dem Wunderknaben, der fast noch als Junge Abbados Assistent wurde und inzwischen die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen leitet. Er besitzt als "erster Gastdirigent" den weitgehendsten Arbeitsvertrag, den das MCO zu vergeben hat.

Eigentlich funktioniert das Ensemble auf Projektbasis: Verträge gibt es nur jeweils für eine Produktionsphase. Daraus ergibt sich, dass man mit der Besetzungsstärke auf die Programmauswahl reagieren kann. In den deutschen Symphonieorchestern funktioniert es meist umgekehrt: Gespielt wird, was zur Zahl der Planstellen passt. In dieses Korsett aber will sich der Nachwuchs offensichtlich nicht zwängen lassen. "Gute Musiker zu bekommen, ist für uns überhaupt kein Problem", erzählt Andrea Zietschmann. Das Lamento der deutschen Edelorchester, sie fänden keine Spitzenkräfte mehr, kann sie überhaupt nicht verstehen.

Trotzdem ist das Mahler Chamber Orchestra kein zusammengewürfelter Haufen. Ein Großteil der 50 Mitgliedern, die aus 15 Nationen kommen, gehört zum festen Kern. "Natürlich gehen die Künstler mit uns ein größeres Risiko ein", gibt Andrea Zietschmann zu, "aber wenn wird unser Ziel erreichen, viereinhalb bis fünfeinhalb Monate pro Spielzeit aktiv zu sein, kann man davon leben." Und außerdem bleibt noch genug Zeit übrig für eigene Projekte. Eines ist den durchschnittlich 28-jährigen Orchestermusikern allerdings klar: Wer sich als Probenmuffel entpuppt oder auf die exakte Einhaltung der Probenzeiten pocht, hat keine Zukunft im MCO.

In dem spartanisch eingerichteten Büro in der Heinrich-Roller-Straße liegt derweil schon alles für die nächste Tournee bereit: Fein säuberlich gestapelt wachsen Partituren und Orchesterstimmen die Wände hoch: Schönberg, Schumann, Ravel, Mozart, Britten und Brahms für die Konzerte mit Sir Neville Marriner, Zoltan Kocsis, Arnold Östman und Leon Fleisher in Neapel, Reggio Emilia und Ferrara. Im August eröffnet das Orchester das Festival von Montreux, im September stehen Auftritte mit Abbado in Venedig an. Für 2001 sind bereits ein Gastspiel mit Verdis "Simone Boccanegra" unter Abbado in Ferrara und ein neuer "Figaro" in Aix mit Marc Minkowski am Pult fest gebucht.

Und Berlin? "Wenn wir im Herbst des kommenden Jahres unsere erste große Deutschlandtournee starten, werden wir natürlich auch in Berlin spielen", kündigt Andrea Zietschmann an. "Für das späte Debüt haben wir uns aber etwas Besonderes ausgedacht."

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