IN Between (1) : Mysteriöse Passage

Zwischen den Jahren: So heißen die Tage zwischen Weihnachten und Silvester. Eine gute Gelegenheit, um sich über die Interimitäten des Lebens Gedanken zu machen. Thomas Lackmann schaut durch den Lattenzaun mit Zwischenraum.

Thomas Lackmann

Der Stuttgarter Platz (vulgo: Stutti) in Charlottenburg sieht auf alten Fotos aus wie eine schmucke Großstadt-Piazza. Heutzutage leider mehr wie eine längliche Wurst; vor 60 Imbiss-Jahren wurde hier, immerhin, die Currywurst erfunden. Ein Stadtraum des Bürgerstolzes mit stattlicher Grünfläche mutierte zur von Bebauungsbegehren bedrängten schmalen Straße. Plätze in Berlin werden bisweilen zugeplant (wie der Potsdamer Platz) oder mit periodischem Ringelpiez zugemüllt; die Bedrohung der Freifläche überhaupt hatte schon Christian Morgenstern, Stutti-Anwohner um die vorletzte Jahrhundertwende, festgestellt. In seiner Satire vom „Lattenzaun mit Zwischenraum, hindurchzuschaun“ schrieb der Dichter, ein Architekt habe letzteren weggenommen und „ein großes Haus“ daraus gebaut. „Der Zaun indessen stand ganz dumm, mit Latten ohne was herum / ein Anblick gräßlich und gemein, drum zog ihn der Senat auch ein.“ Solche ästhetische Sensibilität wünscht der Citoyen heute seiner Obrigkeit, nicht nur zwischen Xmas und Dreikönig.

Für den traditionellen Volksglauben sind die „toten Tage“ oder „Rauhnächte“ dieses Zeitabschnitts, in denen Tiere die Zukunft prophezeien, eine mysteriöse Passage. Darf es so etwas als Topographie, also: in der vermarkteten Stadt – zwischen Shopping-Mall und Wohnhaus – geben, an dem das Ungeplante passiert? Romantiker verklären das Idyll der ungejagten Hasen, im Grenzstreifen oder auf Autobahn-„Inseln“. Transit-Terrain und Niemandsland, jenseits fixierter Nutzungsoptionen, ist der Zwischenraum. Ein Forum für Homo-, Bi- und Transsexuelle nennt sich übrigens ebenfalls so, sowie ein Münchner Psycho-Zentrum, das den modernen Menschen als „mobiles Objekt“ zwischen allen Stühlen sieht. „Dabei muss er oft Umwege gehen und – vergleichbar den Helden der Antike – sich selbst riskieren, um neue Wege zu eröffnen,“ beginnt die Erklärung des Firmennamens. Jeder benötige „einen geschützten Raum persönlicher Freiheit und Souveränität: seine innere Heimat. … Der Zwischenraum ist der zentrale Ort für schöpferisches, intelligentes Gestalten und gleichzeitig ein Ort der Entscheidung für freies, authentisches und effizientes Handeln.“

Nicht jeder Zwischenton verdient solche Überhöhung; Zwischengericht (sorry, Curry-Wurst!) und Zwischengröße sind eher Marketing-Kompromisse. Andererseits irritiert uns die Physik mit ihrer Beschreibung der Materie: Hektische Elementarteilchen im Atomkern forcieren die Vorstellung, dass Zwischenraum und Interaktion dort eine größere Rolle spielen als das, was man aus Stabilitätsneigung lieber Dichte nennen würde. Die Hülle des Kerns wiederum soll zehntausendmal größer sein als dieser selbst, ohne mit ihren hin- und herflitzenden Elektronen zur Masse wesentlich beizutragen. Falls das irgendwie stimmt, bestehen jene harten Tatsachen, mit denen wir uns gern umgeben würden, vor allem aus Energie – und wir ahnen, warum es Morgensterns Architekten gelingen konnte, sich aus Zwischenraum pur ein großes Haus zu errichten. Das Universum: In Between … Haltet euch fest!

Am Montag: der Zwischenruf

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