IN Between (2) : Platzende Alphatiere

Christiane Peitz



Zwischen den Jahren: So heißt die Zeit von Weihnachten bis Silvester. Eine gute Gelegenheit, um sich über die Interimitäten des Lebens Gedanken zu machen.

Unerhört. Der ist gar nicht dran und legt trotzdem los, unterbricht den Redner mitten im Satz, wirft die Geschäftsordnung über den Haufen, ignoriert die Etikette, die bürgerliche Höflichkeit, den parlamentarischen Frieden. Konferenz der hohen Tiere? Der Zwischenruf ist eine Kampfansage an die Wortführer der Welt, schneidet er ihnen doch kurzerhand das ab, in dessen Besitz sie sich wähnen. Plötzlich haben die da vorne, die da oben nicht mehr das alleinige Wort.

Ein Meister-Zwischenrufer war vor 100 Jahren der Berliner Sozialdemokrat Adolph Hoffmann, der den Reichskanzler Bülow mit regelverletzenden Majestätsbeleidungen Richtung Wilhelm Zwo brüskierte. „Der Kanzler“, erinnert sich Hoffmann an Bülows Reaktion auf eins seiner Anti-Kaiserworte, „schnappte nach Atem und klappte mit der Zunge den Oberkiefer seines Gebisses hoch, das vor Schreck heruntergefallen war – und und redete weiter, als wäre nichts geschehen.“ Der Zensor mag keine Zwischenrufe: In den Parlamentsprotokollen sind Hoffmanns Epigramme nicht überliefert. Dafür freute sich sein Freund Karl Liebknecht darüber, dass Hoffmann in Sekunden sagen konnte, was andere in Stunden nicht gesagt kriegen.

Wer zur Schulzeit gern im Klassenzimmer getuschelt hat, erwarb sich früh eine gewisse Übung in solch kommunikativem Ungehorsam. Ihr schwadroniert, ich schwätze. Ihr palavert, ich platze dazwischen. Der Zwischenruf ist ein Störmannöver ohne Vorwarnung, eine Attacke aus der Hinterbank. Die Kunst der Intervention liegt – siehe auch Johann Sebastian Bach – in der Kürze.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Ein Zwischenruf ist keine Ruckrede. Er heischt nicht Respekt, sondern zerstört die Aura der Respektsperson. Wenn er nicht bloß der Ungeduld geschuldet ist, sondern auch der Blitzgescheitheit, macht er obendrein Spaß. Die unbotmäßige Unterbrechung sorgt für den Kollaps des Pathos’ (und des Geschwafels) in der Pointe, in ihr artikuliert sich das Unbehagen derer, die sich von autoritären Charakteren umzingelt sehen. So würzt der Zwischenruf die Demokratie mit Anarchie, ohne die jede Debatte, jede Politik gähnend langweilig ist.

57 584 Zwischenrufe sind in den Bundestags-Protokollen der vorletzten Legislaturperiode verzeichnet. Zu Zeiten von Kanzler Schröder lag der damalige SPD- Abgeordnete Jörg Tauss (der wegen des Verdachts auf den Besitz kinderpornografischer Schriften in Verruf geraten ist und nun der Piratenpartei angehört) mit 2736 Zwischenrufen an der Spitze, auf Platz Zwei folgte sein Parteigenosse Wilhelm Schmidt (1734 Rufe), auf Platz Drei Steffen Kampeter von der CDU mit 1709 Rufen. Auch wenn die TopTen-Liste anderes vermuten lässt: Die Opposition ist und bleibt die natürliche Brutstätte des Zwischenrufers. In der Amtszeit der Großen Koalition dürften es daher weniger gewesen sein als bis 2005.

Die Wissenschaft hat außerdem festgestellt: Weibliche Abgeordnete rufen weniger dazwischen als Männer, laut Statistik sogar nur halb so oft. Handelt es sich also um ein Alphatier-Phänomen? Experten geben angesichts dieses Verdachts zu bedenken, dass die Rufe der Frauen womöglich bloß weniger aufmerksam registriert werden, nach dem Motto: Warum Frauen nicht den Mund halten und Männer nicht zuhören können.

Der Preis für den Zwischenruf ist das Ordnungsgeld. Jedenfalls, wenn der Schauplatz der verbalen Barrikadenbaus der Gerichtssaal ist. Muss aber nicht sein: Gerade erst hat das Oberlandesgericht Koblenz entscheiden, dass auch der Zwischenrufer das Grundrecht der Meinungsfreiheit genießt – solange er nicht ungebührlich zu pöbeln beginnt.

Krieg den Blasierten: Ich störe, also bin ich.

Am Dienstag: der Zwischenhändler

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