Kultur : In Bologna suchen Tänzer und Wissenschaftler nach der verlorenen Lingua Franca

Clemens Wergin

Als Primo Levi nach seiner Befreiung aus Auschwitz durch die Straßen von Krakau stolpert, auf der Suche nach einem Stück Brot, trifft er auf einen katholischen Priester. Des Polnischen nicht mächtig, kratzt Levi die letzten Brocken seines Schullateins zusammen und fragt: "Pater optime, ubi est mensa pauperorum?" Worauf ihm der polnische Pater den Weg zur Armenspeisung weist und sich sogar ein kleiner Dialog über Levis Herkunft und Schicksal im Lager entspannt. Am Ende eines Krieges, der Europa und seine Kultur in den Abgrund stürzte, steht diese Begegnung für eine Rückbesinnung auf die gemeinsamen Wurzeln, auf die abendländische, sich aus der lateinischen Antike speisende europäische Kultur.

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg waren es gerade die deutschen Literaturwissenschaftler Erich Auerbach und Ernst Robert Curtius, die aus den lateinischen Wurzeln der europäischen Literatur einen gemeinsamen Kulturraum zu rekonstruieren versuchten. Und die damit den Faden einer wissenschaftlichen und kulturellen Verständigung wieder aufnahmen, der durch die Abschaffung des Lateinischen als Universitätssprache und durch das Erwachen der diversen Nationalismen zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert zerrissen war. Ein Kongress in der europäischen Kulturhauptstadt Bologna versuchte nun die Rolle der Latinität in jenem vereinigten Europa zu ergründen, in dem sich die Mittelmeerländer durch das wirtschaftlich potente Nordeuropa dominiert fühlen und sich durch die Osterweiterung weiter an den Rand gedrängt sehen.

"Unsere Überlegungen sind immer geprägt von einer defensiven Haltung", konstatierte der französische Parlamentsabgeordnete Pascal Clement. Er bezeichnete die romanische Kultur als "hoffnungslosen Fall, eine Jahreszeit, die lange dauerte, aber nun vorbei ist". Dabei errichtete die romanische Kultur zwei Weltreiche: Das römische Imperium, dessen Staatsaufbau und vor allem dessen Recht bis heute vorbildgebend gewirkt haben, und dann noch einmal in der Zeit der großen überseeischen Eroberungen Spaniens. Sie führten durch die "Latinisierung" Süd- und Mittelamerikas dazu, dass heute etwa eine Milliarde Menschen auf der Welt eine romanische Sprache sprechen. Die heroische Vergangenheit vor Augen, als man mit der lateinischen Zivilisation die "Barbaren" Nordeuropas kultivierte, und angesichts einer eher lauen Gegenwart warnte Clement die romanischen Völker davor, zu einem "Club von Nostalgikern" zu werden.

Auch der spanische Schriftsteller Eduardo Mendoza forderte, Europa dürfe kein "Frankenstein-Monster" werden, nur zusammengesetzt aus historischen Leichenteilen. Er warnte die Schriftsteller davor, ihr feines Sensorium zu verlieren, wenn sie es auf den viel zu großen gesamteuropäischen Raum anwenden. Die Zukunft könne weder in einer EU-genormten Literatur liegen noch im Neo-Provinzialismus. Vielmehr müssten Literaten im Bewusstsein der jeweils eigenen Tradition eine neue kulturelle Synthese finden. Dass der alleinige Blick auf die Tradition nicht zur Innovation reicht, zeigte auch Francisco Rico (Barcelona) an Hand der literarischen Produktion der Humanisten. Im bloßen Rückgriff auf literarische Muster der Antike sei es ihnen nicht gelungen, ein Verhältnis zur Realität zu entwickeln. Wo die Kunst als Form galt, die das menschliche Dasein überhöhen, heroisieren und in der Schönheit überwinden sollte, war kein Platz für die eigentliche Errungenschaft der modernen Literatur, den realistischen Roman.

Wie die von Menodoza angesprochene Synthese aus romanischer Kultur und fremdem Blick aussehen könnte, zeigte der amerikanische Choreograph Bill T. Jones mit "Oh, you walk" im Theater "Arena del sole", das auch für den Kongress verantwortlich zeichnete. Schon seine New Yorker Ballettruppe ist eine globale Synthese: Schwarze und Weiße, Frauen und Männer, Schwule und Heteros, klein und groß, dick und zierlich - alles ist vertreten. Und so inszenierte er die Begegnung der Alten mit der Neuen Welt nicht etwa als Geschichte von Zerstörung und Vergewaltigung, sondern beschwörte eine - wenn auch einseitige - kulturelle Befruchtung: Die mittelalterliche spanische Musik, ihrerseits schon nordafrikanisch beeinflusst, verschmilzt in Übersee mit schwarzafrikanischen Rhythmen zum Fado und Tango. Ein Spiel von Abstoßung und Anziehung, von Aneignung und Überwindung der traditionellen Form. Eine Welt, in der Yanonami-Indianer ihre Volkslieder im Stile gregorianischer Gesänge intonieren und der italienische Jesuitenpater Domenico Zipoli am Anfang des 18. Jahrhunderts eine Oper für südamerikanische Eingeborene schreibt.

In seinem performance-haften Kongressbeitrag wies Jones dann auch darauf hin, dass es so etwas wie eine erste, reine Kultur gar nicht gebe. Womit er die sentimentale Selbstbezogenheit sprengte, in die sich manche geflüchtet hatten. In souveräner Weltvergessenheit hatte der ein oder andere Bologneser Philologie-Professor nämlich unterdessen die Wiedereinführung des Lateinischen als europäischer lingua franca gefordert und einige Franzosen ihren beliebten Feldzug gegen den imperialen Charakter der angelsächsische Kultur und des amerikanischen Kinos geführt. Und waren somit wieder einmal in jener trotzigen Abwehrhaltung angekommen, aus der Neues und Inspirierendes noch kaum je entstanden ist. Einig war man sich aber über das wichtigste Erbe der Antike, nämlich die selbstverständliche Koexistenz unterschiedlicher religiöser Überzeugungen und Kulturen in derselben politischen Struktur: dem römischen Reich.

Und auch "Oh, you walk" klang aus mit einer Mischung aus Hall-Universum und dem ewigen Himmel der Klassiker. Nur von dem von Goethe beschriebenen ironischen Gelächter der Götter war nichts zu hören.

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