Kultur : In Containern

Wettbewerb (2): „In this World“ von Michael Winterbottom

Kerstin Decker

Michael Winterbottom hat mit Parkinson-Kamera gefilmt. So viel Schütteln war nie. Nicht mal bei Dogma. Dabei ist das hier ein Dokumentarfilm. Oder beinahe. Denn in Wirklichkeit ist „In this World“ ein Spielfilm. Also ein Dokumentar- als Spielfilm, ein Spiel- als Dokumentarfilm. Oder keins von beiden. Das ist die Gefahr.

Nicht dass Winterbottom keine Erfahrung hätte mit solchen Gefahren. In „Welcome to Sarajevo“ hat er sie schon einmal ausgemessen. Im Bildertaumel seiner Handkamera wusste man wieder, wie eine zufällige Wahrnehmung sich in die Netzhaut brennen kann. Und was wäre nicht zufällig in einem Krieg? Winterbottom möchte alles noch einmal. Damals kam die kleine Emira von Sarajevo nach England, diesmal ist es der afghanische Junge Jamal, der nach London will. Und er hat es viel weiter als Emira. Im pakistanischen Flüchtlingslager Peshawar fährt er los. Später in Frankreich, fast am Ende des Films, wird Jamal (Jamal Udin Torabi) seinem letzten Reisegefährten sagen, er sei 16, vielleicht ist er aber auch erst 14 wie Honda, der unvergessliche Strandgänger von Hastings aus Winterbottoms wohl schönstem Film „I want you“. Aber Peshawar liegt anderswo, das sieht man gleich. Reist Winterbottom den Krisen der Welt hinterher?

„In this World“ gibt sich gar keine Mühe, seine aufklärerische Gesinnung zu verbergen. Mit einer kleinen Lektion über das Flüchtlingslager Peshawar geht das los. Und wir erfahren, dass man in der örtlichen Ziegelfabrik weniger als einen Dollar am Tag verdient. Es ist, als wolle Winterbottom es sich bewusst schwer machen. Oder viel zu leicht. Hier ist ja keine Geschichte zu erfinden, das Ende dieses Roadmovies kennen wir. Denn wir haben Zeitung gelesen und die Nachrichten von menschlichen Containerfrachten nicht vergessen. Ja, Jamal wird allein in Europa ankommen. Jamal und ein Baby. Der Ältere, der Jamal mitgenommen hatte, weil er ein bisschen Englisch spricht, ist tot bei der Ankunft in Triest. Und die Mutter des Babys auch. Und alle anderen.

Vielleicht hat Winterbottom deshalb diesen Film gedreht: Wir sollen solche Containertüren nie mehr von außen aufgehen sehen. Wir sitzen alle im selben Boot. Aus diesem Grund sehen wir die ganze Reise. Damit wir nicht immer schon da sind, wenn wir Europa sagen. Damit auch wir von außen kommen. Mit dem fremden Blick, mehr zu Jamal gehörig als zu den Menschen in den Straßencafés von Triest. Denn wir haben ja eben noch mit ihm in Teheran Eis gesessen, die extragroße Portion.

„In this World“ ist sparsam in den Mitteln, fast emotionslos. Wie „Welcome to Sarajevo“. Wie Dokumentarfilme. Oft entsteht dabei ein geheimnisvolles Mehr. Diesmal nicht. Diesmal ist Winterbottom der Gefahr des Semidokumentarischen erlegen. Es ist auch die Gefahr von Moral in der Kunst.

Heute 9.30 und 23.30 Uhr (Royal Palast), 20 Uhr (International)

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