Kultur : In deinem Film bin ich der Star

Bodo Mrozek

ärgert sich über eine verpasste Hauptrolle Klischees haben mit der Wirklichkeit bekanntlich nichts zu tun. Sie sind zwar dem Leben sozusagen abgeguckt, übertreiben es aber so sehr, dass sie nichts mehr mit ihm zu tun haben. Sind sie aber erst mal in der Welt, dann versucht das echte Leben, sie mit aller Kraft nachzuahmen. Nirgendwo wird das deutlicher als in Berlin. Einmal zum Beispiel, es war vor einigen Jahren und Frühling, konnten diejenigen, die vor einem Café am Prenzlauer Berg saßen, eine völlig klischeehafte Szene beobachten. Man saß fröstelnd draußen und spielte Sommer, als plötzlich ein Schatten auf die Kaffeegläser fiel. Ein junger Mensch vom Typ Modeopfer (Nasenring, Backenbart, Baseballmütze, Schlüsselband bis in die Kniekehlen) war aus seinem VW-Bus geklettert und hob zu einer Ansprache an: Man drehe gerade einen Low-Budget-Film, und wer jetzt nichts Besseres zu tun habe, der könne eben mal mitkommen, es würden noch ein paar Statisten für eine coole Clubszene im Icon-Club um die Ecke gesucht. Geld gäbe es zwar nicht, aber einen Kaffee gratis. Natürlich hatte man nichts Besseres zu tun. Und natürlich ging man nicht mit.

In München reagieren die Leute auf solche Ansprachen anders. Als 1998 ein Fotograf die 17-Jährige Schulschwänzerin Julia Hummer auf der Straße um ein Foto-Shooting bat, blieb sie nicht gelangweilt sitzen. Sie spielte mit, und wenig später fand sich ihr Porträt auf dem Cover des „jetzt“-Magazins wieder. Noch etwas später hatte sie eine Rolle im Kinofilm „Die innere Sicherheit“, zuletzt spielte sie in „Gespenster“. Eine Klischeekarriere also, wie es sie im echten Leben gar nicht geben dürfte. Außerdem ist Hummer auch noch Musikerin und hat mehr als hundert Lieder geschrieben. Heute Abend steht sie beim 6. Jubiläum vom Berliner Club-Team AmStart auf der Bühne, flankiert von Almut Klotz (Lassie Singers) mit ihrer Formation Europa. Die DJs Snakefinger und C.X. Huth bedienen das Mischpult, ein guter Grund, mal wieder in die Maria am Ostbahnhof zu gehen (Stralauer Platz 34/35, Schillingbrücke). Man kann dann einen Blick auf jenes Gesicht werfen, das angeblich in München auf der Straße entdeckt wurde.

Die Berliner Kastanienallee nennt man im Volksmund übrigens nur noch „Castingallee“. Die Chancen, entdeckt zu werden, haben sich angesichts erhöhter Konkurrenz inzwischen deutlich verringert. Vielleicht hätten wir damals doch in den Bus steigen sollen.

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