Kultur : In den Fun-Gewittern

Peter Laudenbach

Eine Frage nach Foltermethoden in Konzentrationslagern ist nicht unbedingt das, was man in einer Quizshow erwartet. Wenn ein Talkmaster euphorisch ruft "Ja, Auschwitz, das ist richtig!" und das Publikum dazu fröhlich applaudiert, bleibt selbst beim trash-erprobtesten Beobachter ein gewisses Unbehagen nicht aus. Auch die Quizfrage danach, wie viele kurdische Kriegsdienstverweigerer nach der Ausweisung aus Deutschland in die Türkei dort zu Tode gefoltert wurden ("Neun ist leider falsch! Es waren sieben!") oder die Aufforderung, Ex-Kanzler nach Bauchumfang und Attentatsopfer der RAF nach dem Sterbedatum zu sortieren, wirkt nur begrenzt Jauch-kompatibel. Beifall für Auschwitz ("Das loggen wir ein"), Publikumsjubel über Folteropfer, Schunkelmusik zu Fragen nach Krieg und Faschismus ("Wollen Sie den Publikumsjoker einsetzen?"), das Ambiente einer Fernsehshow und die Frage nach der industriellen Verwertung der Haare von in Konzentrationslagern Ermordeten ("Teppiche oder Rasierpinsel?") - das ist vermutlich nicht die Art ästhetischer Reflexion deutscher Geschichte, die sich Adorno in den fünfziger Jahren vorgestellt hat. Das liegt wahrscheinlich daran, dass Adorno Christoph Schlingensief nicht kannte.

Adornos Verdikt, nach Auschwitz seien keine Gedichte mehr möglich, in einer Gesellschaft die sehr effizient solches Grauen organisiert habe, werde jede Schönheit von Kunst obszön, beantwortet Schlingensief mit gut gelauntem Zynismus. Wenn keine Gedichte mehr möglich sind, schalten wir halt den Fernseher ein, wenn die Kunstschönheit am Ende ist, kommt auch im Theater die Stunde der Trivialmedien und ihrer hässlichen, kleinen Sensationen: "Ordnen Sie folgende Konzentrationslager von Nord nach Süd: A: Auschwitz, B: Bergen-Belsen, C: Dachau, D: Ravensbrück." Vor der Volksbühne steht ein lindgrünes, aber leider fahruntaugliches Mercedes-Coupe 350, der Hauptgewinn, auf der großen Bühne ist eine Show-Dekoration aufgebaut und der Offene Kanal Berlin, der nette semiprofessionelle Sender aus der Voltastraße im Wedding, ist mit einem Dutzend Kamerateams angerückt, um die Show aufzuzeichnen: "Quiz 3000 - Du bist die Katastrophe!"

Schlingensief hat sich einen geschmacksneutralen Anzug angezogen, aus dreihundert Bewerbern wurden vierzehn Kandidaten ausgewählt, die 0190-Nummer zur Spendenaquise ist freigeschaltet. Der dauergrinsende Rolf Eden konnte als Stargast nicht vermieden werden, Corinna Harfouch sammelt Spenden für Unicef, Schorsch Kamerun gibt glamourös den Front-Theater-Entertainer und weil die Mitarbeiter der Bundeszentrale für politische Bildung ohne Rücksicht auf Geschmacksnerven ihrem Auftrag folgen, hat diese ehrenwerte Einrichtung den Spaß finanziert. Der Rest ist Routine. Kandidaten kommen und gehen und machen, was Kandidaten machen müssen, sie blamieren sich redlich. Und der große, von Kennern verehrte Sir Henry, der geniale Volksbühnenmusiker, traktiert die Orgel aufs Schmierigste. Die Kandidaten sind ausgewählte Persönlichkeiten mit einem gewissen Zombie-Appeal: Ein linksradikales Muttchen, ein bodenständiger Physiker, ein humanitär engagierter Serbe mit Mafia-Outfit und ein Philosophiestudent mit hohem Peinlichkeitsfaktor. Kommentar Schlingensief: "Philosophie kommt vom Wetter, sagt Nietzsche. Und zurzeit haben wir Winter."

Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll: Schlingensiefs Unverfrorenheit, den Mut zur Selbstentblößung, den die Kandidaten an den Tag legen oder die professionell auf Skandal und Empörung spekulierende Geschmacklosigkeit der Fragen. Leider weiß man auch nicht, was kümmerlicher ist: Schlingensiefs ranzig gewordener Provo-Zynismus, das kulturelle Geltungsbedürfnis der Mitarbeiter der Bundeszentrale für politische Bildung oder das eisern amüsierwillige Publikum, das johlend einen Satz Adornos bestätigt: "Fun ist ein Stahlbad". Einen Schlingensief-Abend zu besuchen ist längst nicht mehr der Härtetest, den eine solche Abendunterhaltung einmal bedeutete. Man ist, wo jeder robuste Fernsehzuschauer und Jauch-Konsument sich dauernd aufhält: in Fun-Gewittern.

Es war einmal, vor langer, langer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat und keinem Zuschauer zu helfen war. Damals hat Schlingensiefs dekonstruktivistisches Spiel mit Fernsehformaten Spaß gemacht und ganz nebenbei alle ästhetischen Kategorien ordentlich durcheinander gewirbelt: Von der großen Samstagabendshow ("Hundert Jahre CDU") über Kluges Kultur-Fernsehen ("Love Pangs") bis zur genial travestierten Big-Brother-Container-Intimität ("Ausländer raus"). Das ist offenkundig vorbei, tempi passati. Der Kulturrevolutionär hat etwas Beamtenhaftes bekommen, die Aura einer Leiche der Subventionskultur, einen Hauch von Desinteresse am eigenen Leben. Die unangenehm selbstgefällige Müdigkeit der Routine, die alles, das eigene Auftreten und das Bühnengeschehen kontaminiert, lässt Schlingensiefs ziellos leer laufenden Aktionismus extrem überflüssig erscheinen. Wild und gefährlich ist der Dilettanten-Stadel längst nicht mehr. Schade eigentlich.

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