Kultur : In den Himmel ragen

Candida Höfer gilt als eine der wichtigsten deutschen Fotografinnen. Das Kolbe-Museum zeigt neue Serien, darunter ihre Hommage an Rodin

Bernhard Schulz

Zu den Kunstwerken, die durch die „technische Reproduzierbarkeit“ ihre einstige Aura verloren, zumindest aber an unmittelbarer Wirkung auf den Betrachter eingebüßt haben, zählt Auguste Rodins gewaltige Skulpturengruppe der „Bürger von Calais“. Reproduzierbarkeit heißt in diesem Falle gleich zweierlei: zum einen die mediale Präsenz in Form der Abbildungen in jedem gängigen Überblick zur Kunstgeschichte, zum anderen die Vervielfachung durch Nachgüsse. Zwölf Exemplare gibt es von den „Bürgern“, weltweit verteilt von Calais bis New York, von Basel bis Seoul. Der Charakter als Denkmal ist überlagert worden von der Repräsentation des Künstlergenies. Nicht der tragische Heldenmut der zum Selbstopfer bereiten Bürger des Jahres 1347 interessiert, sondern die Gegenwart des Erneuerns der Plastik am Ende des 19. Jahrhunderts.

Als 1997 der zwölfte und damit nach französischem Recht letzte zulässige Abguss im fernen Seoul aufgestellt wurde, nahm die Stadt Calais dies zum Anlass, Candida Höfer mit der fotografischen Dokumentation aller zwölf Exemplare der „Bürger“ zu beauftragen. Die Kölner Fotografin aus der legendären „Schule“ von Bernd und Hilla Becher, die längst aus eigenem Recht zu den weltweit renommiertesten Vertreterinnen ihres Fachs zählt, musste mit diesem Auftrag über ihr bisheriges Repertoire hinausgreifen.

Candida Höfer beschäftigt sich seit Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn vor über zwanzig Jahren mit öffentlichen und öffentlich zugänglichen Innenräumen, menschenleer fast immer, doch angefüllt von den Spuren menschlichen Tuns. Bei Rodins Skulpturen aber musste sie, dem jeweiligen Aufstellungsort entsprechend, geschaffene Innenräume und gewachsene Außenräume in den Blick nehmen, bis hin zur (beinahe) natürlichen Landschaft, die das Thema der Fotografin bis dahin niemals war.

Die 34 Aufnahmen, die rund um den Globus entstanden, wurden – in unterschiedlicher Auswahl – zunächst in Calais und dann im vergangenen Sommer auf der Documenta 11 gezeigt. Sie sind nun im Georg- Kolbe-Museum zu sehen, dem die 58-jährige Künstlerin den Vorzug vor anderen, zuvor erwogenen Berliner Örtlichkeiten gegeben hat. In den noblen Räumlichkeiten des Ateliertraktes kommen die Fotografien zu besonderer Wirkung, korrespondieren dort mit den Bronzen Georg Kolbes. So wird dem Besucher bewusst, worin das Problem der fotografischen Wiedergabe von Plastiken liegt: Sie sind in ihrer Allansichtigkeit nicht zu fassen. Zwar ist dies nicht das primäre bildnerische Problem Höfers, die stets nach dem ganzen Raum fragt, in den sich die „Bürger“-Gruppe einfügt, sei er von Mauern begrenzt oder in ein städtisches Gefüge eingeschrieben. Aber in der Gesamtheit der in Berlin gezeigten, rund zwanzig großformatigen Fotografien tritt das Umkreisen um die Skulptur zu Tage: als Annäherung an die räumlichen Verhältnisse wie zugleich an die Aussage der Plastik selbst.

Die Aufstellung der „Bürger von Calais“ begleitete ein langer Disput, bis sich die nordfranzösische Stadt 1895 mit dem Wunsch nach einem akademisch-klassischen Sockel durchsetzte. Rodin wollte die Gruppe ursprünglich auf einem fünf Meter hohen Sockel in den Himmel ragen lassen, dann aber, nach der Ablehnung dieses an der Renaissance orientierten Gedankens, zu ebener Erde. Mit diesem Vorschlag weist Rodin voraus ins 20. Jahrhundert – und musste mit dem denkmalsüchtigen Zeitgeist der Dritten Republik notwendig in Konflikt geraten.

Interessant ist nun, ob die für die Wahrnehmung der Skulptur so wesentliche Aufstellung später und anderenorts modifiziert wurde. Im Garten des Londoner Parlamentsgebäudes gab es ursprünglich einen hohen Sockel, bis die Plastik 1956 auf eine ein Meter hohe Basis heruntergeholt wurde. Candida Höfers Fotografien zeigen, dass die Plastik im baumbestandenen Park optisch verschwindet: Das ursprüngliche Denkmal wird zur Gartengestaltung verkleinert.

Was die Reihe der Rodin-Aufnahmen aus Höfers Werk heraushebt, ist die Vielfalt der Räume, die sich um das stets gleich bleibende Zentralmotiv der Skulpturengruppe auftun. Drinnen und Draußen, Nah- und Fernsicht, Axialsymmetrie und flüchtiger Blick von der Straße, ja selbst die Melancholie des in Rom zur Restaurierung auf schlichte Malerböcke gehobenen Exemplars oder gar die leise Ironie einer in London beobachteten Touristengruppe am Fuß der Plastik verdichten sich zum Bild einer Skulptur, die zum Denkmal ihrer selbst geworden ist. Genau diesen Prozess, der im Wandel der Anschauung ein Moment an Vergänglichkeit enthält, machen Candida Höfers scheinbar zeitlose Fotografien anschaulich.

Im Untergeschoss des Kolbe-Museums ist zugleich eine weitere Reihe von Aufnahmen zu sehen, entstanden in Berlin auf Einladung des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte. Das nämlich arbeitet in einem Teil des Gebäudes der Tschechischen Botschaft in der Wilhelmstraße 44. Der bronzefarbene Bau, fertig gestellt 1978 als Gebäude der Tschechoslowakischen Botschaft in der DDR und mittlerweile unter Denkmalschutz gestellt, verkörpert die osteuropäische Variante des pop-bunten Zeitgeists der siebziger Jahre. Nur noch ein Teil wird von der tschechischen Repräsentanz genutzt, der andere von dem 1994 begründeten Institut.

Candida Höfer denunziert nichts, nicht die Orgien in Orange und Braun, die eher plumpen Sessel, die Holzpaneele und Samtvorhänge, den ganzen horror vacui der damaligen Zeit. Sie durchstreift die Räume, entdeckt Stühlestapel und gedeckte Tische und im Institutsteil des Hauses das vergebliche Bemühen, mit sachlichen Arbeitsutensilien gegen die Dekorationslust der Architektin Vera Machoninová anzukämpfen. Ihr Zyklus hat seinen stillen Höhepunkt in der Aufnahme eines kleinen Arbeitszimmers, mit leerem Bürostuhl vor mächtigem Bildschirm – Sinnbild der namenlosen Heroik wissenschaftlicher (Schreibtisch-)Arbeit.

Noch weitere Zyklen sind 2001 anlässlich des Berliner Aufenthalts von Candida Höfer in Berlin entstanden. Ob sie je gezeigt werden? Man mag es kaum glauben – im Kolbe-Museum gezeigt wird die erste Berliner Einzelausstellung einer der bedeutendsten Fotokünstlerinnen der Gegenwart.

Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, bis 16. Februar, Katalog Rodin bei Schirmer/Mosel, 29,80 €, Katalog Wilhelmstraße im Verlag der Buchhandlung Walther König (erscheint in Kürze), 24,80 €.

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