Kultur : In den Logoländern

Der Berlin-Pop wird ernst: Daniel Pflumm bei Neu

Knut Ebeling

Es gibt Künstler, die waren in idealer Weise mit dem Berlin-Boom verbunden. Auch wenn es den Boom nicht mehr gibt, so ist es doch beruhigend zu erfahren, dass es die Künstler noch gibt, die maßgeblich mit diesem Boom verbunden waren, wie Daniel Pflumm. Er prägte Mitte der Neunziger eine technoide Ästhetik, einen industriellen Berlin-Pop, der mehr mit Clubs als mit Museen und mehr mit Marketing als Kunstgeschichte zu tun hatte. Seine kühlen und inhaltslosen Arbeiten gaben sich den Anstrich des Underground nur, um zum absoluten Overground, den alltäglichsten Markenphänomenen zurückzukehren.

Nachdem die Zeit der Konfrontationen vorbei ist, kommen nun die Inhalte wieder zum Vorschein. Zum Beispiel im Pariser Palais de Tokyo, wo Pflumm gerade eine große Ausstellung hat, die sich noch mit dem Berlinoisen Charme der Baustelle schmückte. Aber auch in Berlin, wo Pflumm seine „Paris“- Arbeit zum ersten Mal in Deutschland bei Neu zeigt (12000 Euro). Immer noch herrscht in seinen Videobildern ein hochfrequenzieller Bilderbeschuss. Immer noch werden die heraldischen Zeichen der Markenriesen vorgeführt, dominiert die verführerische Clipästhetik. Doch umgibt Pflumm die Informationsblasen nun mit Bildern der realen Welt. Plötzlich erscheint Selbstgefilmtes neben Retortenmaterial, tauchen Passanten und Demonstranten auf. Die Bilder werden neu gemischt. Sie werden begleitet von Flugzeugen, die Ikone vom Pendeln der Passanten. Wenn jüngst auf einem Berliner Kongress von global icons die Rede war, so können die bunten Logoländer Pflumms paradigmatisch für die These herhalten, dass Ikonizität heute nur noch innerhalb der Globalität funktioniert. Pflumms Währung bleibt international.

Der in der Schweiz geborene Künstler ist ins Dickicht der Städte hinabgestiegen, in die Straßen und Clubs, aus denen er kam. Doch verleiht das seiner Arbeit mitnichten einen anheimelnden Zug. Die privaten Videobänder verdeutlichen nur noch mehr den apokalyptischen Charakter seiner Arbeiten. Ausgerechnet seine home-videos sprechen von Heimatlosigkeit. Die Verbindung von Video und Animation erzeugt nicht nur eine neue Dramaturgie, eine erzählerische Struktur, sondern ein Erzähler kommt zum Vorschein. Und das eigentliche Thema Pflumms: der öffentliche Raum und seine Torpedierung.

Galerie Neu, Philippstraße 13, bis 30. Juni; Di.–Sa. 11–18 Uhr.

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