Kultur : In den Möglichkeitswelten

Mal krächzt es, lärmt es, tönt es wie Sphärenmusik: „Mein Lieblingswort“ (5) / Von Ludwig Harig

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Der „Deutsche Sprachrat“ und das GoetheInstitut haben in einer Publikumsumfrage das „liebste, schönste, kostbarste deutsche Wort“ gesucht. Aus über 22 000 Einsendungen – knapp ein Drittel aus dem Ausland – wird eine Jury, der auch Popstar Herbert Grönemeyer und der Fußballtrainer Volker Finke angehören, bis Ende September die Voten mit den „charmantesten Begründungen“ preiswürdigen.

In zehn Folgen, initiiert vom Kulturradio des RBB, schreiben hier Schriftsteller über ihre eigene Wort-Wahl. Bisher kürten Brigitte Kronauer „Nachtviölken“ (31. 7.), Wladimir Kaminer „Staatsangehörigkeitsangelegenheiten“ (3.8.), Julia Franck „Also“ (5.8.) und Urs Widmer „Anmutig“ (9.8.). Demnächst folgt Jenni Zylka.

Von irgendjemand habe ich erfahren, er sei stets ein Liebhaber von gut erzählten Geschichten gewesen. Wenn ich mich recht entsinne, nahm er das Erzählte sogar auf die leichte Schulter und sprach von Geschichtchen. Wer dieses Bekenntnis zum Geschichtenerzählen ausgesprochen hat, habe ich vergessen; ich erinnere mich weder an seinen Namen noch an die genaue Stelle, wo dieser Ausspruch zu finden sein könne, so dass ich insgeheim hoffe, ich habe ihn selbst erfunden.

Die abwertende Wendung vom „Geschichtchen erzählen“ gibt mir allerdings zu denken; sie missfällt mir, denn das Erzählen hat mich mein Leben lang lustvoll und zuversichtlich begleitet. Nicht nur das Wort, auch das was es hervorbringt, hat mich unablässig beschäftigt – und so bleibe ich lieber bei den Geschichten als bei den Geschichtchen.

Es wäre zu schön, der Urheber dieses Ausspruchs zu sein, doch nach gewissenhaften Nachforschungen würde sich herausstellen, dass es womöglich einer der Brüder Grimm oder ein bedeutender Philosoph, am Ende aber Goethe gewesen ist, der es uns überliefert hat. Ich denke an den Großvater, der meinem Bruder und mir die Märchen von Rotkäppchen und der Gänsemagd erzählte, denke an unseren Vater, der uns vom Geheimnis des ständig sich ändernden Kalkes erzählte, denke an unseren Freund Roland, der uns von seinen gefährlichen Abenteuern in Äthiopien erzählte. Es ist das Wort erzählen, das mir in die Ohren fällt wie die Klänge einer Sphärenmusik. Es plätschert und hämmert, mal krächzt und mal lärmt es, mal tönt es gedämpft mit seinem deutschen Umlaut, der so zärtlich in den Wörtern Märchen und Sphärenmusik nachklingt.

Das Wort erzählen ist mein liebstes, mein schönstes, mein kostbarstes deutsches Wort. Wenn ich selbst zu erzählen beginne, dränge ich mich mit hätte und wäre in die entferntesten Möglichkeitswelten. In meinem Erzählen ändere ich die Wirklichkeit, mäandernde Sätze schärfen meinen Sinn für das Neue: Ich bewältige die äthiopischen Abenteuer und enträtsele das Geheimnis des Kalks, ich ängstige mich mit Rotkäppchen und quäle mich mit der Gänsemagd. So trägt mich das Wort „erzählen“ hierhin und dorthin, aus den jämmerlichsten Tiefen lässt es mich emporsteigen in die majestätischsten Höhen.

Dabei ist es selbst unauffällig, ja bescheiden. Aus dem einfachen Zählen der Wörter fädelt es Wort an Wort und erwirkt die Summe der Sätze. Erzählen, erzählen, erzählen! Der unschätzbare Umlaut bestärkt und bestätigt mein tägliches Spiel. Am Ende bin ich überwältigt. Ich kann es nicht erklären.

Der vielfach preisgekrönte Erzähler Ludwig Harig, 1927 geboren, lebt in Sulzbach/Saarland. Zuletzt erschien von ihm im Hanser Verlag der achte Band seiner Gesamtausgabe „Wer schreibt, der bleibt“.

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