Kultur : In den Stromschnellen des Krieges

„Wie der Soldat das Grammofon repariert“: das Debüt des deutsch-bosnischen Autors Saša Stanišic

Volker Sielaff

Es ist ein groteskes Figurenensemble, das der 1978 im bosnisch-herzegowinischen Visegrad geborene Autor Saša Stanišic in seinem Debütroman präsentiert. Ein Verein wunderlicher Gesellen, die gleich zu Beginn ein merkwürdiger Anlass zusammenführt: die Einweihung eines Wasserklosetts. Ausgelassen geht es zu bei dieser Feier, zu der alles auf den Tisch kommt, was man sich nur vorstellen kann: Rohwurst und Lammkeule, Pflaumenstrudel, Schweinebauch, Melonen. Munter lässt man sich’s gut gehen, bis einer der Gäste anfängt, den Helden zu spielen, und der fantasiebegabte Ich-Erzähler Aleksandar, das Alter Ego des Autors, resümiert: „Es gab ein Fest, es gab Drohungen, es gab eine Prügelei, es gab einen Schuss, vielleicht muss das immer so sein, wenn in die Armee gegangen wird, man ist noch gar nicht richtig dort, da kommt der Krieg schon hierher.“

Er kommt, der Krieg. Langsam, aber unvermeidlich. Über hundert Seiten lang lässt er sich Zeit. Zuvor lernen wir Aleksandar und seine Familie kennen, allen voran den Großvater, einen undogmatischen Marxisten, wir bekommen den Amoklauf eines betrogenen Ehemanns namens Walross und noch allerlei andere aberwitzige Geschichten aufgetischt.

Saša Stanišic schreibt an seiner eigenen Geschichte entlang: dem Beschuss von Visegrad durch bosnische Serben im April 1992, der Flucht der Bosnier aus der Stadt, der Besatzung zuerst durch die jugoslawische Volksarmee, dann durch paramilitärische Milizen, Mord und Brandschatzung. Auch Stanišic war vierzehn Jahre alt, als das Unglück über seine Familie hereinbrach. Und wie sein Held floh er mit den Eltern über Belgrad nach Deutschland.

Als ihm letztes Jahr beim Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb für einen Auszug aus dem vorliegenden Roman der Publikumspreis zuerkannt wurde, stritt die Jury noch über Für und Wider der Erzählperspektive, denn die Geschichte war aus der Sicht des Vierzehnjährigen erzählt worden; ein Kind erzählte hier vom Krieg. Wenn das mal gut ging. Es ging.

Der naive Blick auf ein unerhörtes Ereignis ist zwar nicht neu, doch hält ihn Stanišic über weite Strecken durch. Der Umzug der Familie in den Keller, als Soldaten das Haus besetzen, geht wie nebenbei vonstatten. Davor spielen auch die Kinder Krieg, als wäre es das Normalste von der Welt: „Die Einschläge der Artillerie und das Gekläff der Maschinengewehre kann Edin am besten nachahmen. Deshalb will ihn jede Mannschaft für sich haben, wenn wir Artillerie spielen.“ Es ist Kindern eigen, Erlebtes eher nüchtern zu berichten. Dem Buch kommt diese Erzählperspektive entgegen, schützt sie doch auch vor Zynismus und falscher Ambitioniertheit. Sie rührt den Leser mit Faktischem. Dabei fehlt es nicht an drastischen Szenen, und bis zur letzten Seite werden die Protagonisten von Kriegserinnerungen gequält: „Asja weint, weil Soldatenfäuste nach Eisen riechen und niemals nach Seife. Weil den Soldaten die Gewehre um die Nacken baumeln und Türen unter ihren Tritten nachgeben, als gebe es keine Schlösser. Sie weint, denn so hatten Soldaten auch in Asjas Dorf die Türen eingeschlagen, sie weint und versteckt sich auf dem Speicher, in dem wir Mäuse jagen, in dem Staub auf den Vitrinen liegt und Fahrräder rosten. Dort werde ich meine Asja gleich finden.“

Asja, das ist Aleksandars Kindheitsfreundin, er wird sie, auch wenn er längst in Deutschland angekommen ist, nicht vergessen können, ihr Briefe schreiben und auf der Suche nach ihr noch einmal in das kriegszerstörte Visegrad zurückkehren. Auffällig wenig erzählen Aleksandars Briefe über das Land, in dem er Aufnahme gefunden hat. Sein Vater, so erfahren wir, schlägt sich als Schwarzarbeiter durch, die Mutter schuftet in einer Wäscherei. Das Dayton-Abkommen wird erwähnt, und schließlich wandern Aleksandars Eltern nach Amerika aus. Aleksandar aber fühlt sich in Deutschland noch lange nicht heimisch.

Auch der Roman dümpelt plötzlich vor sich hin und findet erst wieder zu sich, als Aleksandar in Visegrad ankommt. An einer Stelle des Buches vergleicht der Ich-Erzähler seine Geschichte mit der Drina – „nie stilles Rinnsal, sie sickert nicht, sie ist ungestüm und breit, Zuflüsse kommen hinzu, reichern sie an, sie tritt über die Ufer, brodelt und braust, wird hier und da seichter, dann sind das aber Stromschnellen, Ouvertüren zur Tiefe und kein Plätschern.“ Über weite Strecken ist es dem Autor, dessen Roman für den Deutschen Buchpreis 2006 nominiert wurde, gelungen, diese selbst gesetzten Erwartungen einzulösen. Stanisic’ beeindruckende Fabulierlust kann aber nicht über die Schwächen dieses Romans hinwegtäuschen, der besonders in der Mitte und am Schluss dramaturgisch unausgegoren wirkt. Zu nah ist hier Stanišic wohl an seiner eigenen Geschichte. Solange die Bewohner von Visegrad dem Krieg entgegentreiben, dessen Herannahen umso unheimlicher wird, je naiver Aleksandar ihn erlebt, erscheint dieses Buch zwingend und von erschütternder Leichtigkeit getragen. Danach lebt die Geschichte nur noch aus der Erinnerung. Dass Saša Stanišic dafür noch einmal hundert Seiten braucht, ist ein bisschen zu viel des Guten.

Saša Stanišic: Wie der Soldat das Grammofon repariert. Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2006. 320 S., 19,95 €. Hörspielfassung bei Random-House Audio, ca. 78 Minuten, 18 €.

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