Kultur : In den Tiefen des Hirns

KUNST UND TECHNIK

Kristina Tieke

Nehmen wir uns ein Beispiel an Tante Erika. Die wirft nichts weg und recycelt alles. Den Elektrostecker setzt sie aus zwei unterschiedlichen Hälften neu zusammen, klebt die Keramikschüssel und verhilft Gummischlauch und Blecheimer zu einem zweiten Leben als Klistier. In Dellbrügge & de Molls Kartenspiel „Wild Cards“, das Handlungsrezepte für die Zukunft präsentiert, erzählt das „Modell Tante Erika“ von Konsumverzicht und der Würdigung einfacher Dinge. So simpel können Visionen sein.

Dabei ist die Ausstellung „ science + fiction “ im Sprengel Museum Hannover (bis 9. März, anschließend in Karlsruhe, Dresden, München und Berlin, Katalog 19,80 €), auf komplexe Erklärungsmodelle der Wirklichkeit aus. Wie Wissenschaft und Kunst die Welt begreifen und wie sich ihre Methoden wechselseitig durchdringen, das sind Fragen, denen die Kuratoren Stefan Iglhaut und Thomas Spring nachspüren. Sie konzentrieren sich auf Themen, die der Sponsor des Projekts, die Volkswagen-Stiftung, fördert: Hirnforschung, Nanotechnologie, Globalisierung, Wissensgesellschaft und das Bild der Wissenschaft in der Science fiction.

Auf hölzernen Stelen ist zu entdecken, was derzeit in der Forschung „state of the art“ ist. Vom menschlichen Gehirn in Formalin bis zum Modell des Fulleren-Moleküls, vom Mini-U-Boot aus dem Spielfilm „Reise ins Ich“ bis zu Max Bills Skulptur „Unendliche Schleife“ reicht das Spektrum aus Kunst und Kuriositäten. Ein wenig Varieté, ein wenig Wunderkammer. Damit knüpft die Ausstellung spielerisch an eine Zeit vor der Renaissance an, als Kunst und Wissenschaft noch Hand in Hand gingen.

Deren spannungsreiches Verhältnis reflektieren fünf Installationen. Wer den „Hirnpavillon“ umrundet, den das Atelier van Lieshout beisteuert, sieht sich auf Schautafeln mit der akkurat recherchierten Geschichte der Hirnforschung konfrontiert. Innen allerdings geht es orgiastisch zu. Auf bunten Comiczeichnungen lädt uns van Lieshout in skurrile Wohnmobile zu Sex und Liebesspielen ein. Geheimnisvoll auch, was Christoph Keller uns in seinem „Expedition-Bus“ präsentiert. Auf die Frontscheibe eines VW-Bullis projiziert er ethnografische Filme, die um magische Rituale fremder Kulturen kreisen. Sommerer & Mignonneau verzichten in ihrem „Nano-Scape“ ganz auf Bildmaterial. Eine unsichtbare Skulptur ist vom Besucher mit magnetischen Ringen zu ertasten, je nach Zugriff verändert sie ihre Gestalt. Überprüfbar ist das nicht, man muss es glauben. Was das Individuum in Zukunft beizutragen hat? Dellbrügge & de Moll haben in ihrem Kartenspiel eine simple Antwort: „Wir müssen aufhören, neurotische Arschlöcher zu sein.“

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