Kultur : In den Werken zu Hause

Hunger nach Qualität: Doris und Klaus Schmidt leben mit ihrer Sammlung in Dresden und Köln

Peter Herbstreuth

„Je älter wir werden, desto jünger werden die Künstler, die uns interessieren,“ sagt Klaus Schmidt und wundert sich selbst, dass es sich so verhält. Er steht in seinem Dresdner Haus vor einer langen Wand mit Zeichnungen von Georg Baselitz, die von den gegenüber gehängten Zeichnungen des Dresdner Künstlers Markus Draper attackiert werden. „Erstaunlich ist: Draper hält den ‚Sächsischen Motiven‘ von Baselitz stand. Er fällt nicht ab,“ fügt Schmidt hinzu und freut sich über die generationsübergreifende Korrespondenz, bei der sich beide Serien anfeuern.

Das Expressive zieht sich wie ein roter Faden durch die Kollektion. Selbst eine konstruktive Skulptur von Thomas Scheibitz erzeugt in Sichtnähe zu einem Gemälde Kirchners aus den Zwanzigerjahren ein fern verwehtes Echo. Doch geht es dem Sammlerpaar weniger um Varianten des Expressiven als um raumöffnende Bezüge durch das 20. Jahrhundert.

„Wir begannen unsere Sammlung – oder soll ich sagen: Ansammlung?“, überlegt Doris Schmidt, „denn wir kaufen ja nicht, um zu archivieren und zu verwalten, sondern weil wir mögen, wofür wir uns entscheiden und immer ein wenig sprunghaft sind – also wir begannen mit Holzschnitten der klassischen Expressionisten: Heckel, Kirchner, Müller, Nolde. Dafür interessierten sich in den siebziger Jahren nur Spezialisten. Auf den Auktionen saßen zwanzig Leute, die meisten davon Händler. Es war ein kleiner Kreis. Der Nachlassverwalter von Kirchner,“ erzählt sie weiter, „machte uns Anfang der achtziger Jahre auf die Berliner Wilden aufmerksam. Da begann eine neue Zeit. Wir fühlten uns ihrer Generation zugehörig. Wir hörten die gleiche Musik. Die Museumskuratoren schrieben in den Katalogen Hymnen. Plötzlich kauften wir drei mal vier Meter große Bilder und konnten sie gar nicht mehr hängen. Also haben wir eine Scheune ausgebaut, um die Werke zu platzieren: Middendorf, Koberling, Hödicke, Fetting, Salomé. „Hunger nach Bildern“ hieß damals ein Buch. Das traf den Punkt.“

Im Rückblick erscheint ihnen diese Zeit wie eine rauschende Nacht. Der Hype trieb die Preise in exorbitante Höhen und ließ das Qualitätsniveau betrüblich sinken. Zuletzt sahen die Schmidts nur noch Vulgaritäten. „Ich habe mich für die Künstler geschämt, als sie nach dem New Yorker Höhenflug auf die Kölner Messe kamen. Wir sahen – nicht bei allen, aber bei viel zu vielen – den letzen Schrott, als hätten die Maler aus ihren Ateliers die restlichen Fetzen herausgefegt. Das hat die Liebe getötet.“ Doris Schmidt redet sich noch immer in Rage. Die Leidenschaft war groß.

Danach mieden sie Ausstellungen, gingen öfter ins Theater, lasen neue Kataloge, aber kauften nichts mehr. Erst mit den subtilen Zeichnungen und Rorschach-Bildern von Rosemarie Trockel, Porträts von Cindy Sherman und Fotografien von Thomas Demand fassten sie Jahre später wieder Vertrauen. Der skeptische Blick einer neuen Künstlergeneration war ihr eigener.

1991 zogen sie nach Sachsen, um neben ihrem Kölner Steuerbüro ein weiteres in Dresden aufzubauen. Hier gehörten sie zu den ersten, die sich für die neue Malerei in Dresden begeisterten und die Künstler der Galerie Lehmann förderten. Lange bevor diese missverständlich, aber wirksam als „Dresden Pop“ auf dem internationalen Markt reüssierten.

Doris und Klaus Schmidt sind bürgerliche Sammler, die selbst gerne anonym bleiben und ihren persönlichen Vorlieben im Privaten folgen. Sie wollen ihre Erwerbungen um sich haben und frei von kunsthistorischen, marktrelevanten, prestigefördernden oder sonstigen spekulativen Erwägungen mit den Werken umgehen – zum eigenen Vergnügen und zum Vergnügen ihrer Gäste. Dieses private Sammeln schließt Leihgaben an Museen nicht aus. Schmidts verleihen momentan Werke von John Baldessari an das Kunstmuseum Graz, Sherman, Demand, Odermatt an das Ludwig Forum Aachen und Fotografien von Candida Höfer an die Galerie Neue Meister in Dresden. Doch darin liegt weder ihr Antrieb, noch ihr Ziel. „Wir interessieren uns für Kunst, weil sie uns zum Nachdenken über Formen, Farben, Inhalte zwingt, die uns an der Oberfläche faszinieren. Aber man möchte ja auch wissen, was dahinter ist, um es noch mal anders zu sehen,“ sagt Klaus Schmidt.

Im Kupferstichkabinett Dresden werden sie im Frühling nächsten Jahres fünfhundert Papierarbeiten aus ihrer Kollektion zeigen und den Bogen vom Anfang des letzten Jahrhunderts über Günther Förg, Thomas Schütte, Tacita Dean bis Hermann Glöckner, Jürgen Schön, Max Uhlig, Eberhard Havekost schlagen. Dabei wird es eben jene Verbindungen geben, die Schmidt in seinem privaten Ausstellungsraum so teuer sind: den Informellen Göschel mit Graubner in Beziehung zu setzen und die mehr geschlagenen als gemalten Porträts von Uhlig mit den Bronzeköpfen von Förg und Meese: Sprünge ins Unverhoffte. Da sich ihre Interessen auf Theater, Literatur und Musik erstrecken, sind sie auf Wechselwirkungen aus und ihre Sammlung nicht auf Geschlossenheit angelegt, sondern nach allen Seiten für Verbindungen und Umbrüche offen.

Schmidts geben für Freunde und Kunden eine Jahresgabe bei Künstlern in Auftrag: Höfer, Scheibitz, Havekost waren es in den letzten Jahren. Ansonsten erwerben sie die Kunst bei Galeristen. „Wenn ich zu einem Künstler ins Atelier gehe, zeigt er mir, woran er gerade arbeitetet,“ sagt Doris Schmidt, „weil er eben mit dem Neuesten noch ganz intensiv lebt. Vielleicht gefällt es mir nicht. Das möchte ich aber nicht sagen. Ich will ihn nicht verletzen. Deshalb gehe ich lieber zu Galeristen. Da fühle ich mich freier.“

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