Kultur : In der Elektrischen

Parallelaktionen: London vor der Auktion der Sammlung Beck

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London ist in der nächsten Woche das Zentrum für deutsche Sammler, wenn Sotheby’s mit der Stuttgarter Familiensammlung Beck das umfangreichste Auktionsangebot moderner deutscher Kunst seit Jahrzehnten unter den Hammer bringt (Tagesspiegel vom 7. September). Im Zentrum der Kollektion stehen Werke von Jawlensky, Macke, Kirchner und Kandinsky mit Millionenschätzungen.

Die Sammlung Beck zeigt, dass die Kunstleidenschaft viele Facetten hat. Über 80 Prozent der 350 Lose sind Arbeiten auf Papier. Sie geben der Sammlung den eigentlichen Charakter. Wichtige Blöcke von Käthe Kollwitz, eine rare Gruppe von Blättern Alfred Kubins, Werke des unsteten Rudolf Schlichters oder die getreulich gesammelten Arbeiten des Stuttgarter Hölzel-Kreises dokumentieren die geduldige und intime Beschäftigung der Sammlerfamilie mit ihren Künstlern. Man darf gespannt sein, wie dieses ungewöhnliche Angebot aufgenommen wird. Denn die kapitalen Sammlertrophäen werden rar und rarer. Das zeigt die Entscheidung von Christie’s, ihre ursprünglich zeitgleich angekündigte Auktion deutscher Kunst auf den Februar zu verschieben.

Eine Reihe Londoner Galerien bieten Parallelprogramme an, etwa der ehemalige Christie’s-Spezialist Simon Theobald (Bond Street 180) mit expressionistischer Graphik von Munch bis Heckel. Ungewohnte Wege geht die Galerie Fritz-Denneville gleich neben Sotheby’s (Bond Street 31) mit einer Ausstellung „Berlin 1910-1939“. Auch hier liegt das Reizvolle an weniger ausgetretenen Pfaden. Es gibt zwar die großen n, wie ein Blumenstillleben von Beckmann, auf dem man einen Zipfel der „Berliner Zeitung" sieht. Aber wenig könnte den Geist der zwanziger Jahre und die Begeisterung für Erotik und schnelles Leben präziser einfangen als die Linienzeichnung mit einem Paar auf dem Motorrad von Christian Schad. Einen Kontrast zu dieser Vignette bildet der Blickfänger der Ausstellung, das großformatige Gesellschaftspanorama „In der Untergrundbahn“ (1930) von Imre Goth, einem nach London emigrierten Berliner Gesellschaftsmaler. Berliner Menschen, von der Tippse bis zum Generaldirektor, deren aufgeregte Urbanität in der fast kommunikationslosen Zwangsgemeinschaft einer Fahrt in der „Elektrischen" zur Ruhe kommt. Matthias Thibaut

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