Kultur : In der Esslinger Villa Merkel verbindet sich Kunst mit Architektur

Carmela Thiele

Zeitgenössische Kunst ist größtmögliche Vielfalt, ein Durcheinander von Stilen, Haltungen - Materialmix. Zeitgenössische Kunst mischt sich ein: in wirtschaftliche und politische Fragen, in den sozialen und gesellschaftlichen Kontext. Ein Kristallisationspunkt ist die Architektur. Deshalb hat Renate Wiehager, Leiterin der Städtischen Galerie Villa Merkel in Esslingen, 25 Künstler aus sieben Ländern zum Thema Architektur eingeladen. Mit dem Titel "The space here ist everywhere", der Raum hier ist überall", behauptet sie den exemplarischen Charakter ihres Experiments.

Beim Betreten der klassizistischen Villa Merkel fallen die diskreten Veränderungen nicht gleich auf: Im überdachten Eingang hängt links ein leerer Glaskasten, der weder Rahmen noch Vitrine ist, ein Werk des Wiener Künstlers Andreas Reiter-Raabe. Der Kreuzgang der Halle dagegen prangt in satten Primärfarben, akzentuiert durch schwarze Streifen und Spiegel - unübersehbar eine Intervention des französischen Konzeptkünstlers Daniel Buren. Und fällt der Blick geradeaus auf das rundbogige Fenster, dann ist da kein sanftes Grün, sondern ein vitales Orange. Für diese ungewöhnliche Aussicht hat der Düsseldorfer Künstler Manuel Franke gesorgt. Er konstruierte eine orangefarbene Wand, die die Dimensionen der Villa Merkel exakt spiegelt. Sie ist 25 Meter breit, 15 Meter hoch und mit 25 Meter Abstand in den Park gesetzt. Für die Direktorin ist die riesige Wand und das Gerüst dahinter Bild, Skulptur und Installation zugleich. Mit Manuel Franke und Daniel Buren hat sie zwei Künstler ausgesucht, die sich ständig mit gegebenen Architekturen auseinandersetzen, sie verändern, um einen neuen Blick zu ermöglichen.

Doch wie passt die Bauschutt-Installation "Zwei Tonnen Alte Nationalgalerie" der Wahlberlinerin Monica Bonvicini dazu, bei der es um den Umgang mit historischen Gebäuden geht, um das altehrwürdige Berlin der Kaiserzeit? Oder Dominique Gonzalez-Foersters Raum der Imagination, eine blau ausgeschlagene Ecke mit Silberstreifen? "Ich wollte zeigen, wie vielfältig wir heute mit Architektur umgehen, und wie sehr sie unsere Welt und unsere Wahrnehmung bestimmt", so Renate Wiehager. Im ersten Stock fächern sich die Positionen noch mehr auf: Julia Schers frühe Monitorarbeit steht für die allgegenwärtige Überwachungstechnik moderner öffentlicher Gebäude. Gail Hastings beschwört mit ihrer vom Bild in eine Sitzecke übergehenden Arbeit die Multifunktionalität des Kunstwerks. Da geht es nicht mehr um Architektur, sondern um gesellschaftliche Prozesse, die sich - zugegebenermaßen - in Gebäuden abspielen. Gegen diese ständigen Grenzübertritte setzt Renate Wiehager: "Die Kunst lebt ja davon, dass es diese individuellen Kosmen gibt und individuellen Ansichten."

Der Versuch, für die Pluralität gegenwärtiger Kunst zu sensibilisieren, ist gelungen. Und doch leiden manche Werke unter der Vielfalt, die leicht umschlägt in ein Abfeiern von Positionen. So läuft im - zur Villa gehörenden - Bahnwärterhaus ein wunderbares Video von Steve McQueen, das auf den ersten Blick gar nicht zur Ausstellung zu gehören scheint: Zu sehen ist eine Seiltänzerin in extremer Untersicht. Dem jungen Briten, der sich auch mit dem Thema Urbanität auseinandersetzt, geht es darum, die an die Medien verlorene Sinneswahrnehmung wieder einzuholen. Hier entfernt sich die Schau extrem von ihrem gemeinsamen Focus, der Architektur.

Sie gerät beinahe in Vergessenheit, wären da nicht die Videos des Pioniers von Kunst im öffentlichen Raum, Gordon Matta-Clark. Der New Yorker Künstler sägte in den siebziger Jahren elliptische Formen in die Böden leerstehender Häuser, spaltete sie auf, machte sie zur Skulptur, die auch etwas über die sozialen Verhältnisse vernachlässigter Stadtteile aussagte. Bei Matta-Clark ist die beschworene Vielschichtigkeit im Umgang mit Architektur noch überschaubar.Villa Merkel, Esslingen, bis 10. Oktober. Der Katalog kostet 35 Mark.

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