Kultur : In der Höhle des Bauhaus-Löwen

Unter deutschen Spitzdächern: Dessau will seine Gropius-Villa wiederhaben

Michael Zajonz

Die Touristen in Jacques Tatis Film „Playtime“ erhaschen Paris nur noch als flüchtiges Bild. Sacré-Coeur und Eiffelturm spiegeln sich auf der Fassadenglätte einer Architektur-Moderne, die buchstäblich im Wege steht. Vier Jahrzehnte später erleben wir, wie sich Tatis Zivilisationskritik unter umgekehrten Vorzeichen aktualisiert. Während designbewusste Zeitgenossen genau jene Ästhetik bevorzugen, die Tati in einer Mischung aus Faszination und Spott inszenierte, werden die dazugehörigen Bauten allerorten abgerissen.

Andererseits ist die mit der Architektur der Nachkriegszeit nicht nur personell eng verknüpfte „klassische“ Moderne mittlerweile zu einem so festen Bestandteil deutscher Gemütskultur geworden, dass auch über die Rekonstruktion der ein oder anderen verlorenen Bauhaus-Perle gestritten werden darf. Bleibt die Frage, ob das Bekenntnis zu einer vergangenen Zukunft irgendetwas mit der Gegenwart zu tun haben könnte.

In Dessau lässt sich diese schwierige Gemengelage mit Händen greifen: Spätestens, seit mit dem Doppelhaus Muche/Schlemmer die letzten beiden der fünf erhaltenen Meisterhäuser auf den Bauhaus-Zustand rückrestauriert worden sind (Tagesspiegel vom 11. 3. 2002), erwägt man den Nachbau der 1945 völlig zerstörten Haushälfte von László Moholy-Nagy sowie der Villa von Walter Gropius. Nicht zuletzt touristisch soll die Stadt, die seit 1990 rund 20000 Bürger verlor, mit der Wunderwaffe Gropius aufgerüstet werden.

Dass der eleganten – und in vielen Details überraschend bürgerlichen – Dienstvilla des ersten Bauhausdirektors als herausgehobenem Einzelhaus und als Kopfbau eine Sonderrolle bei der Komplettierung der Meisterhaussiedlung zufiel, unterstrich auch ein Kolloquium der Stiftung Bauhaus und der Stadt Dessau am vergangenen Freitag.

Schlossdebatte? Nein danke!

Der entstandene Handlungsdruck ist allerdings hausgemacht. Denn das Grundstück der – wie die übrigen Häuser auch – 1925/26 errichteten Gropius-Villa blieb nicht unbebaut. 1956 wurde auf ihr erhaltenes und 1999 durch den Berliner Architekten Winfried Brenne im historischen Bestand dokumentiertes Souterraingeschoss ein harmloses Satteldach-Häuschen mit DDR-rauem Putz gesetzt. Noch ist es bewohnt, doch die Kommune, die es im letzten Jahr erworben hat, drängt. Dessaus Oberbürgermeister Hans-Georg Otto (parteilos) war trotz Nachfrage nicht zu einer Aussage über die weiteren Planungsschritte der Stadt bereit. Eine kommunale Finanzierung – für was auch immer – wird man nicht leisten können.

„Wir wollen hier keine Schlossdebatte führen“: Was aus dem Munde des Direktors der Bauhaus-Stiftung Omar Akbar wie eine Beschwörung klingt, beschreibt zugleich auch Dessauer Realität. Die in Berlin, Dresden oder neuerdings auch Leipzig anschwellenden Gesänge gegen eine als Unrecht und Identitätsverlust empfundene Geschichte werden hier durch kleinstädtisch verschneite Ruhe gedämpft: Gegen 17 Uhr strebt ein nicht geringer Teil der lokalen Kombattanten ins Wochenende und überlässt den Experten die Bühne der Bauhaus-Aula zur Abschlussdiskussion.

Doch da war eigentlich schon alles gesagt. Nachdrücklich hatte Sachsen-Anhalts neuer Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz (parteilos), der als Chef der Frankeschen Stiftung in Halle hinreichende Erfahrungen bei der Sanierung eines hochrangigen Kulturdenkmals sammeln konnte, aus der Perspektive eines „ambitionierten Laien“ eine am Bestand orientierte Diskussion gefordert: „Wenn wir lediglich rekonstruieren, würde das neu errichtete Direktorenhaus die lange Pause seiner Existenz verschweigen.“

Walter Prigge (Dessau) setzte in einem brillanten Vortrag nach: Das Spitzdachhäuschen als die bis heute verbindliche „Urhütte der Deutschen“ sei die rezeptionsgeschichtliche Kehrseite der quadratisch praktisch guten Bauhaus-Medaille; die Gestaltung des Ortes jenseits eines Nachbaus oder einer Konservierung des Status quo eine einmalige Chance zur didaktischen wie künstlerischen Vertiefung des Streits um die Moderne. Prigge träumt von einem „dritten Weg“, um einstige Avantgarde und heutiges Ressourcenbewusstsein zu versöhnen: „Das wäre tatsächlich ein Imagegewinn für Dessau.“

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