Kultur : In der Hölle der Nacht

Thriller im Taxi: Tom Cruise spielt in Michael Manns „Collateral“ endlich den Bösewicht

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Den Bildungsgrad leitender FBIBeamten sollte man nicht unterschätzen. Fragt der städtische Cop einen Bundesagenten, was zum Teufel denn los sei in seiner Stadt, irritiert über die zunehmende Zahl von Leichen auf den Straßen. Die Antwort zeugt von gewissem Humor: „All quiet on the western front.“

Im Westen nichts Neues? Eine grobe Fehleinschätzung angesichts der blutigen Spur, die Killer Vincent – eine ungewohnte Rolle für Tom Cruise – auf seiner Taxifahrt durchs nächtliche Los Angeles hinterlässt. Einem lateinamerikanischen Drogenkartell droht der Prozess, fünf Personen sind im Wege – Vincent, übernehmen Sie! Stellt sich nur das Transportproblem. Zu Zeiten von James Cagney und Edward G. Robinson hätte der Gunman noch einen Komplizen als Chauffeur gehabt, wäre mit quietschenden Reifen und aus allen Rohren feuernd an der gegnerischen Bar vorgefahren. Heute nimmt sich der Killer von Welt ein Taxi. Die Quittung ist womöglich steuerlich absetzbar.

Eine zunächst wenig spektakuläre Konstellation, die Regisseur Michael Mann als Ausgangspunkt für den Thriller „Collateral“ gewählt hat. Eher ein Genremix, der an Scorseses „Taxi Driver“, Jarmuschs „Night on Earth“, Melvilles „Der eiskalte Engel“ erinnert, entfernt auch an die Samurai-Filme Kurosawas. Eine berechenbare Geschichte auch, die aber erst in eine andere Richtung führt.

Zu Taxifahrer Max, gespielt von dem eher als Comedy-Talent denn als Charakterkopf bekannt gewordenen Jamie Foxx, steigt eine kühle Staatsanwältin (Jada Pinkett Smith) in den gelben Wagen. Und das Unwahrscheinlichste, es wird Ereignis: Ausgerechnet der sanfte Max, Tagträumer mit Inseltick, mehr Schlaffi denn Tatmensch, erregt das Interesse der coolen Juristin.

Der unverhoffte Flirt wird Michael Mann später zu einem spektakulären Showdown verhelfen. Zunächst aber führt er das Beziehungsmuster vor, das ihn an der Taxigeschichte vor allem interessiert und den Film hochspannend macht. Gewiss, auch die Anhänger des Action-Kinos werden zufriedengestellt, gibt es doch Szenen, in denen ziemlich alle Konfliktparteien ballernd aufeinander stoßen – „außer der polnischen Kavallerie“, wie Vincent, ein Mann von äußerst kühlem Humor, resümiert. Aber die Hauptauseinandersetzung findet ganz ohne Kugelhagel statt – ein Psychothriller auf engstem Raum, im Taxi, zwischen Max hinterm Steuer und Vincent im Fond.

Vielleicht ahnt Tom Cruise, dass seine Tage als jugendlicher Held gezählt sind: Doch die Rollenwahl gegen das gewohnte Image funktioniert glänzend – schließlich sieht Cruise mit grauen Haaren kein bisschen schlechter aus. Im Gegenteil: In stets elegantem Outfit, inwendig eiskalt, wirkt der Schauspieler wie die Inkarnation des unerklärbar Bösen mit kultivierter Erscheinung: ein Geist, der stets verneint, vor allem den Sinn des Lebens. Dabei ist Vincent ein Mann von geradezu bürgerlichem Berufsethos, verlässlich und pflichtbewusst. Nur eben zutiefst zynisch und nihilistisch: Sogar über wohlfeile psychogrammatische Muster, die seine geschäftsmäßige Gewalttätigkeit erklären könnten – schwere Kindheit, saufender Vater –, macht er sich lustig.

Gegen solch ein Monster mit Stil hätte es jeder schwer. Erst recht aber ein Softie wie Max, das Opfer an sich, der personifizierte Kollateralschaden, dessen größte Schandtat darin besteht, seiner Mutter vorzugaukeln, er leite einen Limousinen-Fahrdienst – ein Traum, von dessen Unerfüllbarkeit er selbst am allerbesten weiß. Und doch, im Laufe der unfreiwilligen Reise durchs nächtliche L.A., dessen blaue und rote Lichter sich schemenhaft in den Autoscheiben spiegeln, über dessen Straßen die Koyoten der Wildnis mit gelb aufleuchtenden Augen streunen, entspinnt sich zwischen beiden zumindest augenblicksweise so etwas wie Verständnis, ja, Respekt.

Und zugleich wird die Nacht mit dem Killer für Max zu einer katalytischen Begegnung mit sich selbst, die ihn ausbrechen lässt aus dem Trott, der sein Leben bislang war. Vincent hätte es ahnen müssen: Einem wie Max, der zähneklappernd zwar, doch erfolgreich in eine Mafia-Höhle eindringt, um die verloren gegangene Mordliste wiederzubeschaffen, ist noch ganz anderes zuzutrauen.

Dennoch: Das finale Duell der beiden überrascht. Hier der Profikiller mit langjähriger Berufserfahrung, dort der Anfänger, der nicht mal weiß, dass er die Waffe vor dem Schuss entsichern muss – eigentlich ein eindeutiger Fall. Und warum funktioniert in einem Hochhaus mit gekapptem Hauptstromkabel noch der Fluchtfahrstuhl? Aber drücken wir nicht ab, sondern ein Auge zu: alles Kino.

In 20 Berliner Kinozentren; Originalversion im Cinemaxx Potsdamer Platz und

Cinestar SonyCenter, untertitelte Originalfassung im Babylon Kreuzberg

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