Kultur : In der Höllen Angst

ISABEL HERZFELD

Der RIAS-Kammerchor im KammermusiksaalVON ISABEL HERZFELDHarte Kost war es schon, die der RIAS-Kammerchor seinen Hörern zumutete: Ausnahmslos um die Bitternis des Todes kreiste sein vorösterliches Programm in der Kleinen Philharmonie.Von Trost und Erlösung war kaum die Rede.Doch zeigt sich darin, mit welcher Konsequenz das Ensemble und sein Leiter Marcus Creed stets auf der Suche nach neuen Herausforderungen sind.Dies war unter mehreren Aspekten nachzuvollziehen: Etwa, mit welcher Gedankentiefe und Originalität, aber auch mit wieviel Schönheitssinn die Künstler des 19.Jahrhunderts das düstere Thema bearbeiteten - ohne in verbrähmende Schönfärberei zu verfallen.Die "Missa Es-Dur" von Joseph Gabriel Rheinberger greift da in klangvoller Dreiklangmelodik noch am ehesten die Effekte ab, die mehr zur großen französischen Oper als zur Kirchenmusik gehören, und entwickelt doch im "Sanctus" oder "Agnus Dei" eindringlich gesteigerte, kühn harmonisierte Dialoge zwischen Frauen- und Männerstimmen.Das "Requiem" des Wagnerianers Peter Cornelius bereitet Hebbels Gedicht von den Seelen, die ohne Gedenken in den ewigen Stürmen verwehen, als spukhafte Szene auf, vom Chor mit packender Lautmalerei dargeboten.Soprane und Bässe können in Felix Mendelssohns "Mitten wir im Leben sind" schöne Kontrastfarben zeigen, die bewegte Stimmführung zu Aufschreien des "Kyrie eleison" steigern.Am eindrucksvollsten aber kann der Chor die Virtuosität seines a-cappella-Gesangs in den Motetten von Johannes Brahms und Max Reger entwickeln - dramatisch im herausgeschleuderten "Warum" des ersten Brahms-Werkes, die verwickelte, immer transparent gebotene Polyphonie mit innigem Gefühlston durchsetzend; mit unfehlbarer, zu kostbaren Klangverschmelzungen gelangender Intonationssicherheit in der hochkomplexen, bleiern lastenden Chromatik von Regers "O Tod, wie bitter bist du".

0 Kommentare

Neuester Kommentar