Kultur : In der neoliberalen Tinte

Wenn Schule Business wird: Das Grips-Theater spielt Dirck Lauckes „Stress! Der Rest ist Leben“

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Gruppenarbeit, das klingt nach der Häkeldeckchen-Pädagogik der Achtzigerjahre, nach Lehrern mit „Akw? Nee!“-Buttons. Teamwork hört sich da schon besser an. Zeitgemäßer. Da hat man gleich dynamische junge Menschen mit Bausparverträgen vor Augen, die an die Zukunft denken, vor allem an die des Unternehmens, in dessen Diensten sie dereinst glücklich stehen werden. „Teamworx“ nennt sich das Projekt, das eine gewisse „Harvard Consulting Group“ in Dirk Lauckes jüngstem Stück „Stress! Der Rest ist Leben“ – uraufgeführt nun am Grips-Theater – an einer Realschule veranstaltet. Es ist ein Wettbewerb, pardon, Contest, bei dem die Schüler sich in Gruppen mit einem Konzern ihrer Wahl befassen und ihre eigene Geschäftsidee entwickeln sollen. Den Gewinnern winken Sachpreise, und, wer weiß, vielleicht ja sogar irgendwann mal Praktikumsplätze! „Schule ist ein Marktplatz der Möglichkeiten“, so wirbt die Consulting Group. Nicht für die Schule, sondern für die Wirtschaft lernen wir, könnte man auch sagen.

Lauckes Text vermittelt von Beginn an ein Gefühl für die beklemmende Absurdität, die sich einstellt, wenn Vokabeln durch die neoliberale Tinte gezogen werden und der Leistungsdruck immer früher die Klassenverhältnisse bestimmt. Der 27-jährige Dramatiker ist bekannt geworden mit Stücken wie „alter ford escort dunkelblau“, „wir sind immer oben“ oder „Der kalte Kuss von warmem Bier“, mit rotzig-poetischen Nebelfahrten durchs Außenseiterland, bei denen die Figuren oft nicht mehr zu verlieren haben als das Pfand ihrer leeren Flaschen. Er hört denen zu, die gewöhnlich keine Stimme im öffentlichen Lautsprecherkonzert besitzen, und er verdichtet ihre Geschichten zu traurig-komischen Gegenwartsschlaglichtern.

Für „Stress!“, eine Auftragsarbeit des Grips, hat er an zwei Berliner Schulen recherchiert, einer in Kaulsdorf Nord, einer in Zehlendorf. Dort traf er Schüler, die im Rahmen eines Pilotprojekts am Laptop lernen. Aber nie können die Schüler sicher sein, ob nicht die Lehrerin heimlich ihren Chat mitverfolgt. Von diesen Don-DeLillo-Momenten ist in der Inszenierung von Frank Panhans allerdings wenig zu spüren. Überhaupt lässt der versierte Grips-Regisseur mehr über Lauckes Text hinwegturnen, als dass er ihn anschaulich macht. Auf der Bühne von Birgit Schöne, die eine Mischung aus Sportplatz und Gameshowkulisse ist und Schubfächer für fahrbares Mobiliar bereithält, sind die Spieler zwar permanent in aufwendig choreografierter Bewegung, aber das wirkt weniger energetisch, als vielmehr hektisch – ein fliehendes Klassenzimmer.

In der Hauptsache erzählt „Stress!“ von zwei konkurrierenden Neuntklässler-Teams. Das eine, unter Führung der businessbegeisterten Feli (Nina Reithmeier), entwirft eine Imagekampagne für das koffeinhaltige Getränk „Energy!“ und kniet sich, bis zum Schlafentzug aufgeputscht, in den Wettbewerb. Das andere, zu dem auch der verunsicherte Timm (Sebastian Achilles) zählt, hat auf das Rattenrennen wenig Lust und probt als Gegenentwurf die Freiheit des Rock’n’Roll in einer Schülerband – wobei auch dieses Ideal bekanntlich korrumpierbar ist.

Jennifer Breitrück, Jens Mondalski und Robert Neumann springen in Doppelrollen zwischen den Teams, was gut aufgeht, überhaupt ist dieser Abend für Menschen ab 14 Grips-gewohnt frisch und krampflos gespielt. Und was heute so zum Schulalltag gehört – Notenstress, unglückliche Liebe, Angst vor Amokläufen –, das stellt Panhans’ Inszenierung durchaus heraus. Um die Feinheiten von Lauckes Text zu erörtern, etwa die Frage nach dem Zwiespalt zwischen selbstbestimmtem Lernen und wachsender Ökonomisierung des Bildungswesens, muss man wohl auf die begleitende Pädagogik vertrauen. Vielleicht in Gruppenarbeit. Patrick Wildermann

Wieder vom 22. bis 24. Februar.

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