Kultur : In der Ruhe liegt die Erregung

Jubiläumskonzert des Philharmonia Quartetts.

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Man hört dem Philharmonia Quartett die 25 gemeinsamen Jahre auf faszinierende Weise an. Seine Spezialität ist die Ruhe. Außerdem Ludwig van Beethoven. Wer jenem „Gefühl des Außerordentlichen und des allergrößten Ernstes, so wie ihn kaum eine andere Musik überhaupt kennt“, begegnen möchte, das Adorno in Beethovens späten Streichquartetten fand, der ist gut beraten, sich das Philharmonia Quartett anzuhören. Die ersten, geradezu einfrierenden Akkorddrehungen des dritten Rasumowsky-Quartetts von Beethoven oder der langsame Satz von Haydns „Sonnenaufgangsquartett“: Solche Passagen klingen auch hier, beim Jubiläumskonzert im philharmonischen Kammermusiksaal, autoritativ im besten Sinne, nach einer unerschütterlichen, tief eingesickerten Erfahrung mit dem klassischen Idiom.

Sie überträgt sich auch auf Werke wie Szymanowskis zweites Streichquartett von 1927 mit seinen schwermütigen Kantilenen über nervösen Tremoli gleich anfangs. So ruhig und schön tönen diese Takte beim Philharmonia Quartett, dass man fast vergisst, dass Szymanowski seinerzeit in Deutschland als Komponist vorgestellt wurde, der „durchaus moderne Wege“ einschlägt.

Kein Wunder all dies, schließlich spielen Daniel Stabrawa und Christian Stadelmann (Violine), Neithard Resa (Viola) und Dietmar Schwalke (Cello) seit Jahrzehnten gemeinsam im Orchester der Berliner Philharmoniker. Die Fähigkeit zum Zusammenspiel ohne Starallüren dürfte ihnen dort ebenso zugewachsen sein wie die quasi muttersprachliche Verbindung zum klassisch-romantischen Repertoire – und eine feine Nonchalance, wo es ans Eingemachte superschneller Passagen geht. Auch im Allegro von Mozarts drittem „preußischen“ Quartett lassen die Geiger sich nicht zu körperlich sichtbarer Erregung verleiten.

Mitte der 80er Jahre fand das Quartett zusammen, damals noch mit Jan Diesselhorst am Cello; seitdem gibt es rund dreißig Konzerte pro Saison. Die vier haben in Madrid auf Instrumenten der königlichen Sammlung gespielt, sie sind als lebendiges „Geschenk“ des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler vor dem Papst aufgetreten, waren in der Wigmore Hall in London und natürlich in der New Yorker Carnegie Hall. Den wohl größten Einschnitt ihrer Karriere mussten sie hinnehmen, als Diesselhorst 2009 plötzlich starb. Der Cellist wird an diesem Abend auf vielfältige Weise gegenwärtig, in der Würdigung im Programmheft, in der Widmung der Haydn-Zugabe an ihn und natürlich in den Rosen, die eine Zuhörerin nach vorn bringt – wie überhaupt Respekt und Begeisterung im Rund fast mit Händen zu greifen sind. Christiane Tewinkel

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