Kultur : In der Schwarz-Weiß-Zone

Augenmensch: Die Ost-Berliner Fotokünstlerin Helga Paris erhält heute den Hannah Höch-Preis

Ulrich Clewing

Es gibt Tage, die man nicht so leicht vergisst. An den 24. Juni 1986 zum Beispiel wird sich die Fotografin Helga Paris wohl noch lange erinnern. An diesem Tag sollte in der Galerie Marktschlösschen im Zentrum von Halle eigentlich ihre Ausstellung eröffnet werden. Seit ihre Tochter dort in die Lehre ging, war sie oft von Berlin nach Halle gefahren, um Bilder von der Stadt und ihren Bewohnern zu machen. Die Kataloge waren schon gedruckt, als auf einer scheinbar unverfänglichen Gartenparty plötzlich jemand Zweifel anmeldete, ob ihre Fotos nicht „subversiv“ seien. Halle feierte gerade seine 1025-Jahrfeier; Besucher aus dem Ausland wurden erwartet.

Am Tag nach der Party wurde die Ausstellung um ein halbes Jahr verschoben, dann um ein weiteres halbes Jahr, dann der mehrfach geänderte Katalog endgültig eingezogen. Die Ausstellung fand erst Jahre später statt, im Januar 1990. Dabei hatte Helga Paris nur fotografiert, was in Halle ohnehin jeder sah: alte Häuser, leere Grundstücke, den grauen Himmel und dazu überwiegend freundliche Menschen, die für die Fotografin kurz ihren Alltag unterbrechen.

Wenn Helga Paris an die Ereignisse in Halle zurückdenkt, kann sie noch immer nicht die Aufregung von damals verstehen. Die Schränke in ihrer Wohnung sind gefüllt mit beschrifteten Fotoschachteln, „New York 1 + 2“, „Rom 1 + 2“, „Moskau 3“ oder „Wolgograd“. Helga Paris, die heute den mit 10000 Euro dotierten Hannah-Höch-Preis 2004 verliehen bekommt, ist viel gereist, schon zu DDR-Zeiten, auch in den Westen. Als anerkannte Porträt- und Theaterfotografin genoss sie bescheidene Privilegien. Im Mai 1989 etwa wurden ihre Bilder aus den USA und Kanada in der Hallenser Burg-Galerie und im Café des Ost-Berliner Kinos Babylon ausgestellt, ohne dass dies Probleme bereitet hätte. Nur als sie Halle so zeigte, wie es nunmal war, tauchten unüberbrückbare Schwierigkeiten auf.

„Vielleicht lag es daran, dass Halle exemplarisch war für die DDR“, sagt Helga Paris. „Ich habe die Stadt nur fotografiert, weil ich einen Zustand dokumentieren wollte und es außer mir wahrscheinlich niemand getan hätte.“ Als politische Anklage waren die Fotos jedenfalls nicht gedacht. Was Helga Paris bis heute antreibt, ist die unstillbare Neugier eines Augenmenschen, der in Bildern denkt. Für sie ist Fotografie eine Art Ventil – etwas, das einer inneren Logik gehorcht.

Als junge Frau hatte Helga Paris zunächst in Ost-Berlin ein Modestudium absolviert. Danach arbeitete sie eine Zeit lang als Gebrauchsgrafikerin bei der DEWAG, der „Deutschen Werbeagentur“. Doch auch da hielt es sie nicht lange: 1962 schloss sie sich dem von Wolf Biermann und Brigitte Soubeyran gegründeten „Berliner Arbeiter- und Studententheater“ an, das zwar nur kurz bestand, aber der Beginn ihrer späteren Tätigkeit als Theaterfotografin war. Mittlerweile mit dem Maler Ronald Paris verheiratet, interessierte sie sich außerdem verstärkt für die bildende Kunst. Besonders faszinierten sie die Gemälde von Edvard Munch, Werner Heldt und Francis Bacon, der in seiner Malerei eine Bewegungsdynamik offenbarte, die man auch in manchen Paris-Fotografien zu erkennen glaubt. Ihr erstes Honorar erhält die Autodidaktin für Modefotos, die 1970 in dem Jugendmagazin „neues leben“ erscheinen. Doch schon bald sucht sie sich andere Themen: Sie reist nach Bulgarien und Siebenbürgen, fotografiert in Berlin die Serien „Müllfahrer“ und „Möbelträger“, die zusammen mit ihren berühmt gewordenen Bildern aus „Berliner Kneipen“ in der Zeitschrift „Das Magazin“ erscheinen.

Bei all dem kann sie sich auf einen ästhetischen Blick verlassen, der sie überallhin begleitet. Selbst in der derben Männerwelt der Kneipen, in der Helga Paris mit ihrer Kamera auffällt wie ein bunter Hund, wartet sie ab, „bis die erste Anfangsaufmerksamkeit abebbt“, damit sie nicht nur die „ganz schönen, sondern die richtig guten Bilder“ kriegt.

Beobachtet sie an einem Tisch eine Gruppe Trinkender, dann will sie „die Choreographie von Gesprächen erfassen“. Und wenn sie in Rom junge Männer auf Arbeitsuche fotografiert, hat sie durchaus ein Bild von Giotto aus dem frühen 14. Jahrhundert im Sinn. Eine andere Inspirationsquelle ist das Kino, speziell das des italienischen Neorealismus.

Bei dieser Vorbildung ist es nicht verwunderlich, dass ihre Bilder eine Mischung unterschiedlicher Einflüsse sind. Sie sind soziale Sittengemälde und Meisterwerke der Porträtkunst, atmosphärisch dicht und brillant komponiert in ihrer Verteilung von Licht und Schatten, hellen und dunklen Zonen. In der Serie der „Müllfahrer“ gibt es das Foto eines Treppenaufganges, der aussieht wie die „Carceri“ von Piranesi aus dem 18. Jahrhundert; ihre Selbstbildnisse sind Selbstbefragungen frei von jeder Eitelkeit, ihre Bilder von jungen Punks aus Prenzlauer Berg einfühlsame Darstellungen einer trotzigen Jugend. Nur bei einem Motiv bereut sie, es „verpasst zu haben“: „Ich habe nur einmal die Mauer fotografiert. Öfter habe ich mich nicht getraut.“

Helga Paris erhält heute um 19 Uhr in der Berlinischen Galerie den Hannah- Höch-Preis, dort auch Ausstellung ihrer Werke. Das Sprengel-Museum in Hannover zeigt Fotografien von Helga Paris.

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