Kultur : In der Schwebe

FALK JAEGER

Ohne großen Aufwand, ohne besondere Hochachtung vor dem Werk des größten Berliner Baumeisters und keinesfalls nach heutigen denkmalpflegerischen Kriterien wurde 1958-66 der Wiederaufbau des Alten Museums (das Karl Friedrich Schinkel 1830 als "Neues Museum" erbaute) in die Tat umgesetzt.Um bis zu einem halben Meter hatten sich manche Wände durch Kriegseinwirkungen verformt, waren Decken aus dem Wasser geraten.Diese Schäden wurden beim Wiederaufbau nicht behoben und machen den Bauleuten heute wieder zu schaffen.Denn eine neuerliche Sanierung ist unumgänglich, um den Bau wieder in einen seiner Bedeutung entsprechenden Zustand zu versetzen und auch, weil er wieder einmal umgewidmet werden muß.Langfristig planen kann man freilich noch immer nicht, denn das Obergeschoß beherbergt derzeit eine "Best of-Ausstellung" der Alten Nationalgalerie bis zu deren Wiedereröffnung in - vielleicht - acht Jahren.

Das Alte Museum, das Hauptwerk Schinkels, auszubauen, ist für einen Architekten gleichbedeutend mit dem Auftrag, die Uffizien oder Perraults Louvreflügel neu einzurichten.Ohne großes Aufsehen wurde der attraktive Auftrag an die jungen Mailänder Architekten Giuseppe Caruso und Agata Torricella vergeben, die den Berliner Museumsleuten schon von der Gestaltung der Etrusker-Ausstellung her bekannt waren.Caruso und Torricella bauen derzeit in Mexiko, entwerfen ein Kunstmuseum in Buenos Aires und ein Zentrum für Industriekultur in Italien, gestalten Ausstellungen über Maya-Kunst im venezianischen Palazzo Grassi und über präkolumbianische Kunst in Paris.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat mit ihnen eine gute Wahl getroffen, denn Caruso und Torricella verehren Schinkel nicht weniger als ihre deutschen Kollegen.Und sie zeigten sich in der Lage, Schinkels Vorstellungswelt zu durchdringen, seine Raumkonzeptionen zu verinnerlichen, seine Ideen nachzufühlen und zu abstrahieren.Doppelte Säulenreihen hatte der Klassizist in die Säle des West-, Nord- und Südflügels eingebaut und damit den Räumen wie der musealen Konzeption gleichermaßen unverwechselbare Charakteristik verliehen.Die Architekten des Wiederaufbaus 1966 verzichteten auf die raumgliedernden Säulen und hielten es für geboten, im Nordflügel eine Treppe ins Obergeschoß einzufügen.

Caruso und Torricella strebten an, die Schinkelsche Raumaufteilung zurückzugewinnen.Sie entfernten die Treppe wieder, und gliederten die drei Säle durch übermannshohe, im Grundriß quadratische Stelen, die nun den Platz der Säulen einnehmen.In Schinkels Raumskizze für das Museum scheint die Decke zu schweben, trotz der Säulen.Bei Caruso und Torricella schwebt sie tatsächlich: die Pfeiler sind nur halb-raumhoch.Sie definieren den Raum, sind Informationsträger und Lichtkörper zugleich, denn sie beinhalten die indirekte Deckenbeleuchtung.Und sie bilden eine Via Triumphalis mit den bedeutendsten Kunstwerken der Sammlung als "Bevölkerung".Vielleicht hätten sie sich in der Farbgebung stärker von jener des Ausstellungssystems abheben sollen, um als Architektur stärker wahrgenommen zu werden.Durch die Pfeilerstellung entstehen im "Seitenschiff" kleinere Raumkompartimente mit der Möglichkeit der Vertiefung der Themen oder der Präsentation kleinerer didaktischer Einheiten.Man kann sich also von Höhepunkt zu Höhepunkt vorantreiben lassen, oder man kann in die Seitenschiffe abdriften und sich in die Erklärungen, weiteren Exponate, Videos und andere didaktische Attraktionen vertiefen.

Ein intelligentes, bei aller Stringenz vielseitiges Vitrinensystem - es erinnert ein wenig an Richard Meiers Museumseinbauten, wobei es deren dominante Präsenz und zügellose Variabilität vermeidet - bringt die notwendige Ordnung ins Haus.Keramik wird auf stilisierten "archäologischen Tischen" präsentiert, Skulpturen, Vasen, Schmuck und Waffen in jeweils individuell entwickelten Vitrinen.Viele Kämpfe gab es auszufechten, denn die Kuratoren wollten mehr, die Architekten immer weniger Exponate präsentieren.Zwei Seitenkabinette haben die Architekten als "Schatzkammern" gestaltet.Die Umkleideräume römischer Thermen haben für die Wandschrankvitrinen als Vorbilder gedient.Auffallend viel Licht wird über Halbtonnengewölbe in die Schatzkammern geführt.Dunkler Samt und helle Spotlights bringen üblicherweise in Museen Goldschmuck zum Gleißen.Hier ist es natürliches Tageslicht, das den Objekten die auratische Wirkung beläßt, doch die suggestive Dramatik überbetonter Präsentation vermeidet.Die zusätzlichen Vitrinenschränke in den Schatzkammern offenbaren allerdings, daß das Ausstellungssystem manchmal auch zu plump ausfällt.

Wenn es sich auch um eine Interimslösung handelt, so möchte man der Arbeit von Giuseppe Caruso und Agata Torricella doch wünschen, daß sie Bestand haben möge.Sie zeigt, daß es keineswegs notwendig sein wird, die längst zerstörte Innenarchitektur des Alten Museums sklavisch nachzubauen, und daß es möglich ist, für den Schinkelbau kongeniale Museumsinnenarchitektur zu entwickeln, ohne museologische Kompromisse eingehen zu müssen.Noch immer gibt es viel zu tun im Alten Museum.So ist die vom Denkmalbeirat empfohlene Öffnung des Okulus in der Zentralrotunde noch nicht realisiert; durch eine Klarglasdecke soll die delikate eiserne Dachkonstruktion gezeigt werden.Wohl erst mit dem Umbau des Obergeschosses wird die unsägliche Glaswand aus der frontalen Treppenloggia entfernt werden können, die Schinkels Vorstellung vom offenen, in den Lustgarten wirkenden Raum gründlich konterkariert.

Auch im Erdgeschoß, Sitz der Verwaltung, wird derzeit gebaut.Roger Karbe, unverkennbar ein Kleihues-Schüler, hat in kühl-sachlicher und wohlkalkulierter Weise die Eingangssituation neu gestaltet, auch dies ein Weg, Schinkels Vermächtnis weiterzuführen.Dieser Weg sollte beim Ausbau des Hauses auch weiterhin beschritten werden.

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