Kultur : In der Schwebe

KAI MÜLLER

Als der Pop-Theoretiker Diedrich Diederichsen in der Maria am Ostbahnhof das Podium bestieg - mit Plastiktüte und Bierflasche, wie es sich gehört für den Chefdenker des Subkulturellen -, war die Luft bereits ein bleiernes Zelt.Nicht gerade ideale Bedingungen für eine Lesung analytischer Texte, auch wenn Diederichsens neuestes Buch "Der lange Weg nach Mitte" wohl eine seiner verständlichsten Abhandlungen ist - die Dinge werden klarer, wenn man sie auf ein Ende zuspitzen kann.Daß sich der Aufbruch einer ganzen Jugendkultur nach Berlin-Mitte erledigt hat, jetzt da die politischen Institutionen sich feierlich einzurichten beginnen, ist eine weit verbreitete Befürchtung, wie der rege Andrang bewies.Diederichsen lieferte ihr interessanten Denkstoff.So leitete er seinen Parforce-Ritt mit der These ein, Popmusik erfülle zunehmend Funktionen einer staatlichen Schutzmacht.Jedenfalls sei die Koinzidenz augenfällig, mit der die Klänge der Popkultur sich des Straßenbildes bemächtigen, während öffentliche Plätze gleichzeitig von allem gesäubert würden, was nach sozialem Unfrieden riecht.Hundestaffeln und Sting-Songs gehen eine unheilvolle Allianz ein in einer Zeit, da jegliches Befinden unterschiedlos in Popkontexte eingeordnet wird, bis es irgendwann vollkommen gleichgültig ist, ob jemand einen Parkplatz aufsucht, weil ihn zehn Stunden Techno ausgelaugt haben, oder weil er, wie jede Nacht, nicht weiß, wo er schlafen soll.Für Diederichsen erfüllt sich das Versprechen der Popkultur in jener ironischen Ambivalenz, in der ein Kunstwerk sein eigenes Gegenteil zuläßt, ohne daß deutlich würde, welche von beiden Seiten recht hat.Auch in Mitte führt vielleicht noch irgendein Weg wieder zur schwebenden Unentschiedenheit zurück.

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