Kultur : In der Sendefalle

40 Jahre und ein bisschen leise: Das Berliner Jazzfest hat eine große Tradition, die Gegenwart ist weniger rosig. Ein Rückblick

Maxi Sickert

Es war ein wichtiges Jahr – beiderseits des Atlantiks. 1964 wurde mit dem Civil Rights Act in den USA die Rassentrennung aufgehoben. Ein Triumph für die Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King, des „King of Love“, und der Beginn der Hoffnung auf eine Zukunft von Respekt und gegenseitiger Anerkennung. Es war aber auch ein wichtiges Jahr für den Jazz: Mit „A Love Supreme“ nahm John Coltrane ein herausragendes Album auf, eine Hymne an den Schöpfer, die zugleich ein Requiem für seinen Freund und Musikerkollegen Eric Dolphy sein sollte, der im Juni 1964 in Berlin gestorben war, neun Tage nach dessen 36. Geburtstag.

Für die ersten Berliner Jazztage, wie das Jazzfest zu Anfang hieß, bat ihr Begründer und Leiter, der Jazzpublizist Joachim Ernst Berendt, Martin Luther King im November 1964 um ein Grußwort, das diese Woche zum 40. Jubiläum des Festivals musikalisch aufgefrischt wird: Der englische Saxofonist Dennis Baptiste entrichtet mit der deutschen Erstaufführung seiner Suite „Let Freedom Ring“ seinen Tribut an diese Zeit (7.11. Haus der Berliner Festspiele). Überhaupt erinnern viele Teile des diesjährigen Programms an diese große Vergangenheit – zu der eben auch der Altsaxofonist und Bassklarinettist Eric Dolphy gehört, der damals in Europa mit dem holländischen Schlagzeuger Han Bennink und dem ukrainischen Pianisten Misha Mengelberg auftrat. In Erinnerung daran spielen Bennink und Mengelberg mit dem ICP-Orchestra ein Konzert für Dolphy (5.11.). Doch sonst ist es mit der Kontinuität so eine Sache.

Es hat lange gedauert, bis das JazzFest finanziell abgesichert war. Erst seit 2001, ein Jahr nach dem Antritt von Joachim Sartorius als Intendant der Berliner Festspiele, der damit auch für das Jazzfest verantwortlich wurde, muss der Etat nicht mehr jährlich vom Senat bewilligt werden, sondern ist Teil des aus Bundesmitteln finanzierten Hauptstadtkulturfonds. Von den zehn Millionen Euro, die ihm jährlich zur Verfügung stehen, fallen 230000 Euro an das Jazzfest. Der Rest des etwa 460000 Euro umfassenden Budgets sind Zahlungen für Senderechte der ARD, Sponsoren- und Eintrittsgelder.

Noch bei seinem Antritt vor vier Jahren kündigte Sartorius an, das Fest zu verjüngen. Jedes Jahr sollte ein neuer künstlerischer Leiter berufen werden, der dem Festival seine Handschrift geben würde. Die Entwicklung des Jazz sollte nicht mehr nur aus deutscher Sicht betrachtet werden. Den Anfang machte der schwedische Posaunist Nils Landgren, der die skandinavische Musikszene in den Mittelpunkt rückte. Der Musikkritiker John Corbett aus Chicago zeigte nicht nur Musiker seiner Heimatstadt, sondern auch, wie stark er selbst von europäischem und deutschem Free Jazz geprägt war.

Das war Stoff für Auseinandersetzungen und gedankliche Weite. Doch schon nach diesem zweiten Versuch, das Jazzfest aus den festgefahrenen Strukturen zu befreien, gab Sartorius sein Konzept wieder auf – und berief mit Peter Schulze einen langjährigen ARD-Mann. Er selbst wollte sich dazu nicht äußern, ja erklärte, er sei darüber „keine Rechenschaft schuldig“. „Kontinuität“ müsse gewährleistet sein, hieß es nebulös. Er habe „anfangs nicht gewusst, auf was er sich da eingelassen habe“, erklärte im vergangenen Jahr der für fünf Jahre amtierende Peter Schulze.

Das aus den Jazzredakteuren der Landesanstalten zusammengesetzte „Beratergremium“ der ARD, die einen Großteil der Konzerte mitschneiden und senden, ist offensichtlich auch an inhaltlicher Einflussnahme interessiert. Was kein gutes Gefühl hervorruft. Schon George Gruntz, ehemaliger künstlerischer Leiter des Jazzfestes, hatte mit der Einflussnahme der ARD seine liebe Not und trat 1987 die Senderechte ans ZDF ab – auch wenn man nach einem Jahr wieder zusammenfand. Einige Beispiele aus jüngerer Zeit: Peter Schulze, der über 30 Jahre für Radio Bremen arbeitete, sorgte beim ersten Festival unter der Leitung von Albert Mangelsdorff als Mitglied des Beratergremiums dafür, dass Joachim Ernst Berendt als Ehrengast wieder ausgeladen wurde, mit der Begründung, sein Vortragsthema – „Jazz und Widerstand“ – sei nicht interessant.

Nicht nur er hatte Einfluss: Vor allem Michael Naura, langjähriger Jazzredakteur des NDR und ehemaliger Vorsitzender des ARD-Beratergremiums, war bekannt dafür, seine Präferenzen durchzusetzen. So heißt es aus dem Umfeld des Jazzfests: „Naura bekam sein Programm so, wie er es gerne hätte.“ Ein verständlicher, aber fürs Festivalkonzept nicht unbedingt förderlicher Grundsatz lautet: Wenn das Konzert eines Musikers schon bei einem anderen Festival aufgezeichnet wurde, darf dieser Musiker in Berlin nicht mehr auftreten. In anderen Fällen fürchtet man wohl, die Zuschauer zu verschrecken: Der Saxofonist Peter Brötzmann, Urgestein der freien Improvisationsszene, konnte nur gegen massive Vorbehalte seitens der ARD auftreten, weil seine Musik als „nicht sendbar“ galt. So geschehen bei dem Festival von John Corbett.

Besonders schwer hatte es Nils Landgren, weil in „seinem“ Festivaljahr mit dem neuen Intendanten Sartorius und dem neuen Festivalkonzept große Unsicherheit bei der ARD herrschte, die viele der angekündigten skandinavischen Musiker nicht kannte und daher nicht auf ihre „Sendbarkeit“ hin einschätzen konnte. Und an der Stelle im Programmheft, wo vor 40 Jahren noch der große Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Martin Luther King das Grußwort schrieb, schreibt jetzt der Intendant des NDR. „Jazz spricht vom Leben“, schrieb Martin Luther King damals. Jazz ist auch, und immer noch, ein Symbol für Freiheit. Das sollte auch für die Institutionen gelten, die sich dem Jazz widmen.

Jazzfest Berlin: 4. bis 7. November. Programm: www.jazzfest-berlin.de

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