Kultur : In der Stahlrohrschmiede

Das Bauhaus-Archiv Berlin feiert seinen 25. Geburtstag mit einer Ausstellung von Geschenken aus der Gestalterschule

Ulrich Clewing

Wenn der Chef Geburtstag hat, dann könnte es angeraten sein, mit Geschenken nicht zu sparen. Dachte Laszlo Moholy-Nagy und übereignete Walter Gropius am 18. Mai 1926 „freundlichst zur Verfügung“ ein sehr teueres Körperteil: seine rechte Hand. Und damit ja keine Missverständnisse aufkamen, schrieb der edle Spender neben den in hellbrauner Farbe gehaltenen Abdruck seiner Hand extra noch dazu: „Moholy-Nagy, rechts“.

Knapp achtzig Jahre später ziert des Künstlers „rechte Hand“ die Rückseite des Kataloges jener Ausstellung, mit der das Berliner Bauhaus-Archiv ein eigenes Jubiläum feiert. Vor 25 Jahren wurde das Museum, das lange gar kein Museum sein wollte, feierlich eröffnet. „Damals gab es lange Diskussionen, ob einer Schule überhaupt ein Museum gebühre“, sagt Annemarie Jaeggi, die Direktorin des Bauhaus-Archivs. Andere wiederum kritisierten, dass durch die Neugründung die Gefahr bestünde, „das lebendige Bauhaus in die Geschichte zu verabschieden“.

Die Vorbehalte haben sich längst als grundlos erwiesen. Inzwischen ist das Bauhaus-Archiv eines der beliebtesten Museen in Berlin und wird gerade von Kunstinteressierten aus dem Ausland besonders gern besucht. „Das Bauhaus hat einen klingenden Namen“, sagt Jaeggi, „und die Bauhäusler in aller Welt sind eine eng verschworene Gemeinschaft, auch die der zweiten und dritten Generation.“

Heute verbindet man mit dem Bauhaus Klassiker der Moderne: Abstraktion, klare Linien, schnörkelloses Design, elegante, reformorientierte Architektur. Was aber war das Bauhaus wirklich? Eine Kunsthochschule, ein Stil, eine Bewegung? Annemarie Jaeggi, als Tochter eines Schweizer Diplomaten und einer Engländerin 1956 in Washington D.C. geboren, habilitierte Kunsthistorikerin und Spezialistin für die Baukunst der Zwanzigerjahre, sitzt wie zum Beweis für die beengten Verhältnisse in ihrem Museum am Tisch eines winzigen Besprechnungszimmers. „Das Bauhaus war keine Stilrichtung, auch wenn das die meisten glauben“, sagt sie. „Viel wichtiger war aber die Pädagogik. Das Bauhaus war eine Reformschule.“

Jeder, der ans Bauhaus ging, wurde, unabhängig von der Fachrichtung, erst einmal in den so genannten Vorkurs geschickt. Dort standen die Grundlagen der Farb- und Formenlehre auf dem Lehrplan: „Das Prinzip Vorkurs ist noch immer gültig, auch wenn sich sonst die Voraussetzungen von damals völlig verändert haben.“

So hatte das Bauhaus schon immer viel mehr zu bieten als „nur“ die paar Namen, die alle kennen: Gropius, Mies van der Rohe, Wassily Kandinsky, Laszlo Moholy-Nagy, Lionel Feininger, Johannes Itten, Marcel Breuer, Marianne Brandt, Oskar Schlemmer. Und einige andere mehr. Es ist erstaunlich, welchen Einfluss der Unterricht dort hatte, wenn man bedenkt, dass die Schule insgesamt nur vierzehn Jahre bestand, in Weimar, Dessau und ganz zum Schluss in Berlin, bevor die Nationalsozialisten ihr den Garaus machten. Nach der Schließung 1933 ging die Mehrzahl der Lehrer ins Exil, vor allem in die USA, wo Generationen von Architekten, Designern, Malern und Fotografen vom „Geist des Bauhauses“ (Jaeggi) geprägt werden.

In Deutschland freilich geriet das Bauhaus bald in Vergessenheit. „Man kann sich das kaum mehr vorstellen“, sagt Jaeggi, „aber in den Fünfzigerjahren war das Bauhaus nur einigen wenigen Insidern ein Begriff.“ 1960 gründete dann der ehemalige Bauhaus-Schüler Hans Maria Wingler in Darmstadt das Bauhaus-Archiv. Darmstadt war zu der Zeit eine sehr lebendige Stadt, und immer mehr Bauhäusler stifteten eigene und fremde Arbeiten, Skizzen, Dokumente und ganze Nachlässe. Doch die Ansiedlung des Archivs scheiterte. Nach Verlagerung der Produktion eines der größten Arbeitgeber der Stadt, des Pharmakonzerns Merck, nach Nordamerika, fehlte der Kommune das Geld, um das Gebäude, das Walter Gropius entworfen hatte, tatsächlich zu errichten. So kam das Bauhaus-Archiv nach Berlin, fand zunächst ein vorläufiges Domizil in der Charlottenburger Schlossstraße im heutigen Bröhan-Museum und zog 1979 in das Haus am Landwehrkanal.

Schon damals war das Gebäude eigentlich zu klein, um die Sammlung mit Gemälden und Stahlrohrmöbeln, Prototypen für Gebrauchsgegenstände, Architektur- Zeichnungen, 4000 Vintage-Fotografien, eintausend neueren Abzügen und über 8000 Graphiken auch nur annähernd im Überblick präsentieren zu können. Daran hat sich seither nichts geändert. Das Bauhaus-Archiv platzt buchstäblich aus allen Nähten, auch der lang ersehnte und bereits geplante Erweiterungsbau ist in weite Ferne gerückt, zumal nach dem Fall der Mauer mit der Stiftung Bauhaus Dessau in den historischen Gropiusschen Schulgebäuden plötzlich ein zweiter gewichtiger Zuwendungsempfänger unterstützt werden wollte.

Dennoch sieht Annemarie Jaeggi darin keine Konkurrenz. Während nun das Land Berlin das Bauhaus-Archiv zu ungefähr zwei Dritteln finanziert (2003: 840000 Euro, den Rest steuert die vereinseigene Bauhaus-Archiv GmbH bei, die den gut sortierten Museumsshop betreibt), kommt der Bund für die Dessauer Einrichtung auf, und auch der lange schwelende Streit um Urheberrechte und Tantiemen ist mittlerweile beigelegt. „Die Unterstützung für das Bauhaus Dessau trifft auf jeden Fall den Richtigen“, sagt Jaeggi. Den Erweiterungsbau hat sie deshalb nicht abgeschrieben. Im Gegenteil, dafür würde Annemarie Jaeggi – bildlich gesprochen – wohl auch ihre rechte Hand geben.

Jubiläumsausstellung „Happy Birthday“ mit Geschenken von und für Bauhaus-Künstler bis zum 9. Januar 2005. Der Katalog (geb., 240 S.) kostet 20 €. Heute lädt das Bauhaus-Archiv von 10 – 17 Uhr zum Tag der offenen Tür (Eintritt frei).

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