Kultur : In der Strafbaracke

Judith Malinas Neuinszenierung von „The Brig“ in der Akademie der Künste

Jan Oberländer

Einer kommt früher raus, weil er sich gut geführt hat. Einer rastet aus, wird in eine Zwangsjacke gesteckt und weggetragen. Und einer kommt neu dazu. Das ist aber schon das Einzige, was eigentlich passiert in Kenneth H. Browns 1963 von Judith Malinas legendären „Living Theatre“ in New York uraufgeführtem Stück „The Brig“. Gezeigt wird vielmehr die entmenschlichende Erziehung zum gehorsamen Werkzeug in einer Strafbaracke der US-Marines.

Ein Tag im Psychofolterknast: Zehn Gefangene in einem mit Doppelstockbetten ausgestatteten Drahtkäfig, vier Aufseher mit blankgeputzten Schuhen. Die Gruppen sind gemischt: Weiße, Schwarze, Asiaten – die militärische Hierarchie ist nicht rassistisch, sie ist unmenschlich. Die wegen Regelverstößen inhaftierten Soldaten dürfen sich auf dem Weg zum Duschen oder zum Hofdrill nur im Marschtempo fortbewegen, mit hochgerissenen Knien und angewinkelten Armen. Vor dem Überqueren von Raumgrenzen müssen sie um Erlaubnis fragen: „Sir, prisoner number five requests permission to cross the white line, Sir!“ Man hört diesen Satz gefühlte fünfhundert Mal an diesem Abend. Es ist immer wieder auch die Grenze zwischen Mensch und willenloser „Made“, die die Männer überschreiten. Wer einen Fehler macht, kriegt einen Schlag in die Magengrube.

Mit „Kunst und Revolte“ ist das Veranstaltungsprogramm der Berliner Akademie der Künste überschrieben, das sich noch bis Juli mit dem „künstlerischen Erbe von ’68“ beschäftigt. Da passt es gut, dass Malina, die große alte Dame des, pazifistischen, anarchistischen Anti-Establishment-Theaters, durch ihre Neuinszenierung eines alten Polit-Knallers selbst die Brücke in die revolutionäre Vergangenheit schlägt. Schließlich, das sagt die 1927 in Kiel geborene Regisseurin auf einer im Anschluss an die Aufführung gezeigten Videobotschaft, seien die „Verhältnisse“ immer noch „die gleichen“ wie in den Sechzigern, eigentlich die gleichen wie „seit tausend Jahren“. Irgendwo ist schließlich immer Krieg.

Damals war es Vietnam. 1964 gastierte „The Brig“ am Hanseatenweg. Als Produkt ihrer von Auf- und Umbrüchen geprägten Zeit experimentierte die bereits Ende der Vierzigerjahre von Malina und ihrem damaligen Kunst- und Lebenspartner Julian Beck gegründete Gruppe mit neuartigen Theatermitteln wie dem Verzicht auf dramatische Handlung, offensiver Körperlichkeit und einem radikalen Realitätsanspruch. Damals war dieses von Artauds „Theater der Grausamkeit“ inspirierte Performancekunst neu, hochpolitisch und schockierend, die zeitgenössische Kritik wurde nachdenklich. Am Ende traurig.

Und heute? Ist zunächst klar: Der Kontext macht’s. Am 4. Juli 2007 führte das „Living Theater“ das mit jungen Schauspielern neu aufgelegte Stück am Ground Zero auf. Diese Theaterguerilla-Aktion wurde durch Transparente wie „Close Guantanamo Now!“ zur aktuell verankerten, wenn auch plakativen, politischen Aktion. Als die Gefangenengruppe zur Melodie der amerikanischen Nationalhymne „Stop the war, stop the war“ sang, stimmte die Zuschauermenge mit ein. Da verlieh der Ort dem Stück Gewicht. Die Polizei versuchte, die Sache aufzulösen. Und das am Unabhängigkeitstag!

Im Berlin des Jahres 2008 dagegen wirkt das Stück zwar wacker idealistisch, aber vor allem: historisch. Nicht nur, weil ein theaterwissenschaftlicher Vortrag zu Beginn des Premierenabends in Zeit- und Kunstkontext von „The Brig“ einführt. Sondern auch, weil seine Mittel nicht mehr funktionieren. Das Gebrüll und Getrampel auf der Bühne nervt, manche Drills wirken gar unfreiwillig komisch.

Vielleicht hat das Publikum aber einfach auch nur seine Unschuld verloren: Das öffentliche Bild vom Militär ist ohnehin ein kritisches, nicht erst seit Filmen wie Stanley Kubricks „Full Metal Jacket“. Und revolutionäre Rhetorik geht heute nur noch wenigen so leicht über die Lippen wie Judith Malina – die allerdings noch vor zwei Jahren im ehrwürdigen Saal der Akademie für ihr „Ich bin Anarchistin!“ großen Szenenapplaus erntete.

Angesichts der grausamen Bilder aus Armeegefängnissen wie Guantanamo und Abu Ghraib macht man sich bei „The Brig“ allzu gerne klar: Das da vorne sind Schauspieler, die Rollen spielen. Die Situation ist nicht echt, ist eben nicht, wie angekündigt, „hyperrealistisch“. Da wird zwar geschrieen und geschwitzt, aber zwischendurch ist Pause, und nach zwei Stunden ist Schluss mit der Schikane. Die vierte Wand, die als weitmaschiges Stacheldrahtgitter das Bühnengeschehen vom Zuschauerraum abgrenzt, bleibt unüberwindlich.

Hanseatenweg 10, bis 4. Mai.

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