Kultur : In der Wärme des Abends

Fünf Helden über sechzig: Fred Schepisis „Letzte Runde“

Jan Schulz-Ojala

Alte Leute sehen wir eher selten im Kino. Meist sind sie Nebenfiguren, Folie für Jugend. Sie runden das Geschehen: als eher gute Omas und Opas, die aus den bösen Mamas und Papas hervorgehen. Sie sind die unvermeidlichen Weisen aus dem Abendland, die auch ihren Auftritt haben sollen. Aber wehe, sie treten nicht ab!

In „Letzte Runde“ gibt es vier alte Männer und eine alte Frau, und sie bestreiten die Handlung allein. Gut, da gibt es noch einen Sohn, aber der ist auch schon um die fünfzig und ein feister Autohändler. Und eine Tochter, aber die lebt seit Jahrzehnten im Heim und lächelt leer die ganze Welt davon. Und da gibt es immer wieder Rückblenden in die jüngeren Jahre dieser Alten, die auch ihren Auftritt haben sollen. Aber das sind Nebenzeiten – und bald sind wir wieder bei Ray und Lenny und Vic, die ihren Freund Jack auf die letzte Reise ans Meer begleiten. Und Jacks Sohn Vince fährt sie in einem alten Mercedes, der sonst auf seinem Hof zum Verkauf steht, den ganzen Film über hin.

Noch Lust auf „Letzte Runde“? Dann sind Sie allseitig offen für das, was Kino am liebsten bedeutet: das Ganzanderswosein. „Letzte Runde“ erzählt, nach einem Roman von Graham Swift, mit literarischer Zärtlichkeit und kinematografischer Eleganz vom Abschiednehmen. Da sind der Pferdewettfanatiker Ray (Bob Hoskins), der Amateurboxer Lenny (David Hemmings), der Bestattungsunternehmer Vic (Tom Courtenay) – und sie alle nehmen Abschied von dem jüngst verstorbenen Fleischermeister Jack (Michael Caine), jeder auf seine Art auf der Fahrt nach Margate, wo die Asche ins Meer gestreut werden soll. Und auch der dicke Vince (Ray Vinstone) nimmt Abschied auf seine Weise. Und da ist Jacks Witwe Amy (Helen Mirren), die derweil ganz anderswo einen schmerzhafteren Abschied nimmt. Und da ist ein Anfang, ein leiser, ein Nochmalganzanderswoanfang, von dem hier nicht weiter die Rede sein soll.

Sie sehen schon, „Letzte Runde“ ist ein geradezu sträflich einfacher Film. Er mag souverän verschachtelt gebaut sein, aber erzählt sehr gerade heraus und schlicht von weiter nichts als Freundschaft, Liebe, Familie, Trauer, Einsamkeit, Glück, Erinnerung – unter anderem an all die immer wieder vorletzten Runden im „Coach & Horses“ – und eine sehr feine Intrige zum Guten gibt es auch. Nicht zu vergessen von Streit erzählt „Letzte Runde“, und sogar Tränen zeigt er; nur echte Schurken hat er bei der Aufstellung glatt vergessen. Gar nicht auszuhalten, wie gut so ein Film funktionieren kann, ein paar kleine, klare Leben im Vorbeidrehen, und schon sitzen wir in der Zeitmaschine und wünschen uns nebenbei, dass es doch eines Tages auch uns so erginge. Oder wenigstens so ähnlich, irgendwann, fern.

Kino in der Kulturbrauerei

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