Kultur : In der Wüste der Dummheit

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Von Thomas Migge

Italien hat einen Kulturminister. Sein ist Giuliano Urbani. Von Haus aus Politologe wurde er zuerst als Chefideologe der Forza Italia bekannt: jener Partei, die der Medienzar Silvio Berlusconi zusammen mit Freunden, darunter auch Urbani, in nur sechs Monaten auf die Beine stellte. Dass Forza Italia, kaum gegründet, 1994 sogleich die Parlamentswahlen gewann, ist auch ein Verdienst Urbanis – das Parteiprogramm ist zu einem guten Teil von ihm formuliert worden.

Auch bei den Wahlen im letzten Jahr stand der Ideologe des wirtschaftlichen Neoliberalismus wieder an Berlusconis Seite und erhielt zm Dank ein Ministeramt. Als Italiens Kulturminister hat Urbani sich um mehr als die Hälfte der von der UNESCO aufgelisteten Güter des gesamten „Weltkulturerbes“ zu kümmern.

Tut er aber nicht – oder genauer, braucht er auch gar nicht. Der wahre italienische Kulturminister heißt nämlich Vittorio Sgarbi. Ein Mann, der wegen seiner medienwirksamen Auftritte inzwischen bekannt ist als buntester Hund im Land: wegen seines Mundwerks, mal supergrob, mal spöttisch frech, gefürchtet und von vielen gehasst. Seit kurzem wettert er auch ganz offen gegen seinen Dienstherrn. Dass dieser historische Monumente verkaufen will, um die auch ohne Berlusconis Steuersenkungsversprechen schon leeren Staatskassen zu füllen (vgl. Tsp. von gestern), findet Sgarbi „einen himmelschreienden Skandal". Urbani solle doch endlich zurücktreten „und einem besseren Mann Platz machen". Wen er damit meint, sagt Sgarbi nicht. Aber jeder ahnt es.

Wir treffen den „Fast-Minister“ (,,La Repubblica") in seinem Arbeitszimmer im römischen Kulturministerium.

Arbeitszimmer ist nicht das richtige Wort. Man glaubt sich in einer Filmszene des britischen Regisseurs Peter Greeneway. Der Raum, der Saal ist mindestens zehn Meter hoch und noch viel breiter. Über unseren Köpfen zieht sich eine Galerie um die Wände herum. Mitten im Saal sitzt der Staatssekretär und Kunsthistoriker Sgarbi an einem gigantischen barocken Tisch, auf dem zahllose Bücher und Dokumente übereinander gehäuft liegen. Dahinter thront Sgarbi auf einem monumentalen Barocksessel. Am Eingang zum Saal steht eine Schlange von Bittstellern, die geduldig darauf warten, von Italiens berühmtestem und umstrittenstem Kulturpolitiker empfangen zu werden.

Der schlanke, großgewachsene 49-Jährige, der sich mit dandyhaftem Gestus immerzu eine Strähne seiner langen grauen Haare aus der Stirn streicht, gilt als erfahrener Salonlöwe. Die Allüre des Mondänen lässt ihn, gleich ob bei der Stipvisite in einer zerstörten Druckerei in Kabul oder der italienischen Buchwoche in Paris, gerne auch mit wehenden Schals auftreten. Der gebürtige Ferrareser residiert in Rom in einer ehemaligen Papstwohnung an der Piazza Navona. Hier empfängt er zwischen barocken Möbeln und enormen Ölschinken Prinzessinnen und Politiker und alle, die zu seinem Clan gehören. Dabei ist Vittorio Sgarbi eigentlich nur Staatssekretär im Kulturministerium. Doch es ist ein offenes Geheimnis, dass er die Fäden zieht und den Ton angibt.

Eine Gelegenheit, auf die Sgarbi gewartet zu haben scheint. Der Mann, der in den letzten Jahren nicht nur wegen geistreichen kunsthistorischen Bücher und als Kunstkommentator im Berlusconi-Fernsehen von sich reden machte, sondern viel mehr noch als Paparazzi-Objekt an der Seite meist tief dekolletierter junger Begleiterinnen, er möchte nun Italiens Kulturwelt revolutionieren.

Dutzende von historischen Plätzen, die während der Epoche des linksdemokratisch geführten Kulturministeriums über viele Jahre kostspielig restauriert wurden, fast immer mit neuem Pflaster, will er wieder zerstören lassen. Denn an Stelle der neuen sollen alte Pflastersteine verlegt werden. Es geht, sagt er, „um die Wiederherstellung der historischen Integrität der schönsten Plätze der Welt". So sollen in Rom etwa oder im umbrischen Spoleto zahlreiche Piazzen nach Sgarbis Willen ohne Rücksicht auf Verkehr und Tourismus wieder aufgerissen werden.

Spricht man ihn auf andere von der linken Vorgängerregierung geplante architektonische Projekte für Museen und öffentliche Bauten an, dann rutscht er nervös auf seinem Sessel herum: „Da ist zum Beispiel die von dem japanischen Architekten Isozaki entworfene und von der Florentiner Stadtverwaltung akzeptierte Ausgangstür für die Uffizien“, erregt er sich über modernes Design, „sowas ist einfach grauenhaft!" Er will versuchen, das Projekt stoppen zu lassen "Ich habe keine Lust, mit dummen Menschen zu diskutieren“, erklärt er. „Mit Leuten, denen man alles erklären muss, die man nochmal zur Schule schicken müsste, damit sie begreifen, was Ästhetik ist".

Auch mit dem amerikanischen Stararchitekten Richard Meier legte er sich an. Der reiste daraufhin wutentbrannt aus Rom ab, weil Sgarbi sein Projekt einer neuen Hülle für die Ara Pacis des Kaisers August, als „scheusslich“ bezeichnete.

Die Ara Pacis ist jener riesige Friedensaltar von Augustus, den Mussolini in den 30er Jahren ausgraben und mitten im historischen Stadtzentrum von Rom in einem faschistischen Gebäude aufstellen ließ.

Sgarbis Vorgängerin, die linke Kulturministerin Giovanna Melandri, hatte Richard Meier damit beauftragt, eine neue Hülle für das einmalige antike Objekt zu entwerfen. Ohne öffentliche Ausschreibung, schimpfte Sgarbi und nahm diesen Formfehler zum Anlass, das ganze Projekt zu stoppen.

Urbani, der noch immer vorhandene Kulturminister entschuldigte sich daraufhin, und Meier kehrte nach langem Betteln zurück.

„Es geht ja um die Idee, einen Verrückten an die Macht zu bringen, einen Verrückten wie mich, der protestiert, der eine Stimme in der Wüste der Dummheit ist und den man dann auch machen lässt“, sagt der Herr Staatssekretär in der Herrentoilette des Ministeriums, wohin wir, seine engsten Mitarbeiter und die Gruppe der Bittsteller ihm folgen, denn Sgarbi hat dort einen Termin mit seinem Friseur - was aber nicht heisst, dass die Arbeit unterbrochen wird.

Der Staatssekretär ist tatsächlich ein Füllhorn von Ideen. So plant er, die seit Jahrzehnten in Kellergewölben vor sich hinstaubende umfangreichste Kollektion antiker Skulpturen Roms, die berühmte Sammlung Torlonia, in der Barockvilla Albani unterzubringen. Ein ehrgzeiges Projekt, das der italinischen Hauptstadt ein weiteres Museum von Weltrang bescheren würde.

Ferner plant Sgarbi eine „Wiederbelebung leerer Museen". „Wenn man sich mal anschaut, wie viele Museen leerstehen, dann kann man einen Anfall bekommen“, stöhnt er auf. „Ich will diese Museen in ,salotti’ umfunktionieren, also in eine Art Wohnzimmer, wo sich Intellektuelle und interessierte Bürger treffen, um miteinander zu diskutieren, zu lesen, zu schwatzen.“

Sgarbi will auch die italienische Kunstgeschichte umschreiben. Er ist davon überzeugt, dass die Renaissance nicht in Florenz ihren Ausgang hatte, sondern in Padua. „In keiner anderen Stadt Italiens oder Europas finden Sie in einer Zeitspanne von 50, 60 Jahren während des 13. Jahrhunderts so viele Künstler: Giotto, Giusto De Menaboni, Artichiero und viele andere“, erklärt er. Sie lösten, davon ist er felsenfest überzeugt, „die Renaissance in der Kunstgeschichte aus". Denn es waren die Mesieter in Padua, „die das Prinzip der Individualität in die Kunst einführten". Aber das sei heute unbegreiflicherweise unbekannt. „Das weiß niemand!".

Vor kurzem hat sich Sgarbi auch mit Äthiopien angelegt. Italien hatte sich unter der Vorgängerregierung dazu verpflichtet, die berühmte Stele von Axum, einen 15 Tonnen schweren antiken Obelisk, den Mussolini als Beutegut nach seinem Überfall auf Äthiopien nach Rom mitbrachte, wieder zurückzugeben. Sgarbi untersagte dies, Urbani sprach sich dafür aus, Sgarbi besteht auf der Nichtrückgabe, Äthiopien protestiert bei der Unesco, Sgarbi beschimpft die Äthiopier und so weiter und so fort.

Das Hickhack zwischen dem Minister und seinem Staatssekretär führt zu einem chronischen Clinch, der die Arbeit des Kulturministeriums als ständige Streiterei erscheinen lässt. Oder, um es mit den Worten des Architekten Isozaki zu sagen: „Diese Verrückten wissen gar nicht, was sie überhaupt wollen."

Sgarbi wirkt als Nur-Polemiker, als skandalsüchtiger Provokateur. Das qualifiziert ihn nicht unbedingt für ein Amt, in dem man neben aller Originalität auch diplomatisch und gelegentlich, wie in der Filmpolitik, besser sachkundig auftreten sollte. Aber seine Kritik an bestimmten Restaurierungen, an Neubauten, an der Rückgabe von Beutegütern regen Diskussionen an, die auf der seit langem schon eher tristen kulturpolitischen Bühne Italiens zumindest anregend wirken.

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