Kultur : In die Parade gefahren

Ein

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von Kai Müller

Das soll’s gewesen sein? Die Love Parade: das große Ding von gestern? Den Niedergang eines der größten Popereignisse der Welt haben Kritiker schon vor zehn Jahren prophezeit, als aus dem ulkigen RaverUmzug, der sich wie eine Karnevalsprozession über den Kudamm schob (nur sehr viel lauter) ein gigantisches Spektakel wurde mit bald über einer Million Teilnehmer. Techno dieses dumpf-magische Bumbumbumtzzs, das den Plattenaufleger, kurz: DJ, als Kulturträger entdeckte, war der Sound einer Zeit, die sich keine Sorgen machte. Es quoll als endloser Maschinenbeat aus dem Radio, und in den Clubs feierten sich die Gewinner des New-Economy-Booms im Takt einer Musik des steten, unnachgiebigen Fortschritts als Glückseligkeitsritter der Neuzeit. Die Globalisierung hatte ihr Schattengesicht noch nicht gezeigt.

Dass Techno trotz seiner musikalischen Radikalität eine so starke hypnotische Wirkung auf so viele Menschen ausüben konnte, hatte mit einem eklatanten Mangel zu tun. Techno wollte nichts, außer seine eigene Propaganda zu sein, ein autoeuphorisches System ohne jeden Inhalt. Aussagen wurden in Parolen wie „The Future Is Ours“ (1990), „Peace On Earth“ (1995) oder „Music Is The Key“ (1999) gekleidet und vernichtet – durch Unverbindlichkeit. Niemanden von sich weisend, ausgrenzend oder für zu dumm erklärend öffnete sich, was Ende der Achtziger als Disco-Avantgarde begonnen hatte, einer wachsenden Zahl von Teilzeitravern, denen es nicht um Orientierung ging und noch weniger darum, an die Brüchigkeit ihres Lebens erinnert zu werden.

Das ist vorbei. Das Versprechen des „We Are One Family“ hat sich nicht erfüllt. Längst ist Techno verstummt und an einer sich verschärfenden sozialen Spannung zerbrochen. Die großen, einst als Schamanen gefeierten DJ-Stars sind Protagonisten ihrer eigenen Mythenpflege. In Clubs ist Techno von feinsinnigeren Spielarten wie House und Elektro abgelöst worden. Man will keine Musik mehr hören, die sich bewusst über die Wirklichkeit hinwegsetzt und den futuristischen Traum von der Mensch-Maschinen-Verschmelzung propagiert. Dafür haben einfach viel zu viele Maschinen die Jobs von Menschen übernommen, die hin und wieder tanzen gehen wollten, aber nicht die ganze Zeit.

E-Gitarren nehmen keine Arbeit weg.

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