Kultur : In die Röhre glotzen

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ALL THAT JAZZ

Christian Broecking über

einen Euphoriker und stillen Beobachter

Helmut Newton hält große Dinge von seinem Freund William Claxton. In dem Julian Benedikt-Film „Jazz Seen“ , der morgen bei arte in deutscher Erstausstrahlung läuft (um 22 Uhr 45), treffen sich die beiden Fotografen in Helmut Newtons Büro in Monte Carlo und schauen sich Fotos an. Und dann sagt Newton, dass ihm aufgefallen sei, dass die besonders kreativen Menschen, die er in seinem Leben getroffen hat, immer ihr Hobby zum Beruf gemacht haben. Bei Newton und Claxton sei das die Fotografie. Und der Jazz, fügt William Claxton hinzu.

Claxton porträtierte mit seinen Fotos das Lebensgefühl zwischen Cool Jazz und Minirock, zwischen Frank Sinatra und Twiggy. In „Jazz Seen“ erzählt der Schauspieler Dennis Hopper, wie Claxton ihn einst auf der Straße ansprach, weil er ihn fotografieren wollte. Das war in den fünfziger Jahren, und damals waren sie jung, wild und cool. Als Buch war „Jazz Seen“ ein Bestseller (Taschen Verlag). Wenn man heute Claxtons Aufnahmen von den großen Stars der Jazzgeschichte sieht, die seiner Kamera und ihm in verrauchten Jazzclubs entgegenlächeln, hat man schnell das Gefühl, Bescheid zu wissen und dazuzugehören. In „Jazz Seen“ lässt Regisseur Julian Benedikt keinen Zweifel daran, dass Claxtons Lebenswerk das Ergebnis ständigen Gebens und Nehmens ist. Im Gegensatz zu Newton ist Claxton ein emotionaler Fotograf.

Klug, cool, aber keine Manieren

Der junge Steve McQueen hinterließ einen der prägendsten Eindrücke bei Claxton, für ihn wurde McQueen damals zum Inbegriff des jungen amerikanischen Wilden der Nachkriegszeit, hochintelligent, unberechenbar, risikofreudig und gänzlich ohne Benehmen. Claxtons Fotos von McQueen und dem Jazztrompeter Chet Baker zeigen, wie Sexappeal aussehen kann, ohne pornografisch oder kalkuliert zu wirken. So prägte Claxtons Blick auf den jungen Baker eine aus heutiger Sicht ungewöhnliche Verbindung von schicken, coolen und hippen jungen Frauen und Männern und einer Musik, wie sie in den Fünfziger- und Sechzigerjahren von Jazzmusikern an der amerikanischen Westküste gespielt wurde.

In „Jazz Seen“ dreht sich alles um den Fotografen William Claxton, den West Coast Jazz und um einige New Yorker Musiker, die Claxton in der Westküsten-Fremde fotografierte. Das Coverfoto für eine Platte des Saxofonisten Sonny Rollins, „Way Out West“, das den afroamerikanischen New Yorker Saxophonstar in Cowboyklamotten in der kalifornischen Wüste zeigt, brachte Rollins damals – zurück in seiner Heimatstadt – aber nichts als Hohn und Gelächter von Seiten seiner Kollegen ein. Claxton hielt Momente einer großen Musik fest, aber auch stille Szenen aus einem sehr intensiven und kurzen Leben. Wie etwa das Foto, das den Erfinder des Bebop, den früh verstorbenen Altsaxofonisten und Drogenjunkie Charlie Parker in einer höchst ungewöhnlichen Pose, nämlich lachend zeigt. Der Jazz-Euphoriker Claxton hatte den schwarzen Musiker nach einem Konzert zu sich nach Hause eingeladen. Und der war tatsächlich gekommen.

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